18.5.10
das wilde land
eine stadt, menschenmassen, eine gestalt mitten unter ihnen und doch für sich, ein fremder mit einer völlig anderen ausstrahlung, einer von dem die anderen unwillkürlich abrücken, warum auch immer. haben wir uns als kinder nicht oft gefragt, was es nun ist, das die anderen von uns fern hält? irgendwann lässt man es sein, und dennoch wäre es interessant, endlich mal die gewissheit zu haben, warum man so ist, wie man ist, und was man ist. ich sollte eigentlich sagen, wer man ist, aber ich schreibe bewusst was. ein wildes ding, ein etwas, das nicht definierbar ist, zumindest nicht nach dem schubladendenken der anderen, ein affront, ein aussenseiter, ein fremder, einer, dessen gesicht oft gequält aussieht, wenn er gefangen in städten und häuserschluchten herumirrt, einer, der vom wilden land träumt, wo alles anders ist. das wilde land, das niemals unterworfen und gequält wurde, das land mit der freien seele, die gesang so ähnlich ist, und das ihn, den fremden, in seine arme schliesst. das land, in dem er tief und ohne alpträume schläft, und erfrischt aufwacht, um den tag zu begrüssen, den er genauso liebt wie die nacht. das land, in dem er alles liebt. sogar sich selbst.

das wilde ding schliesst erschöpft die augen und blendet die menschenmassen rund um sich aus. rundherum ist alles grau in grau, und alles ist gift und schmerz. wenn sie nur sehen könnten. diejenigen, die einen grossen bogen um die bank machen, auf der das erschöpfte wilde ding mit geschlossenen augen zurückgesunken lehnt, wenn sie nur sehen könnten, was dieser fremde sieht. vielleicht wäre dann alles anders.
aber es ist gut so, murmelt das wilde ding und weiss, dass es recht hat, leider, fügt es traurig hinzu. sie würden das land sehen und nicht begreifen. und langsam würden sie es mit einer grauen, giftigen schicht überziehen, bis alles langsam und traurig vegetiert, dann stirbt, ganz langsam, so denken sie, aber wahnwitzig schnell in wahrheit. uraltes wachstum, das sich seit millionen jahren entwickelt hat, innerhalb von ein paar menschengenerationen vernichtet, das ist wohl schneller, als es der verstand erfassen kann, und das herz schon gar nicht.

würde er ihnen vom widen land erzählen, würden sie ihn für verrückt erklären und ihm sagen, dass es so etwas nicht gibt. weil sie es nicht kennen und nicht definieren können, weil es nicht in ihr schubladendenken passt. genauso wenig wie er.

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