2.5.11
der erste einsatz des hobby-djs vom lande

es war ein fehler, ihnen gleich am anfang die sisters of mercy vorzuspielen und zu erwarten, dass sie das ganze unbeschadet überstehen würden. einige wankten noch über die tanzfläche durch den wabernden nebel, die weingläser matt in der einen hand, die andere oft krampfig gegen himmel bzw. zur discokugel reckend. sie hatten ihre augen geschlossen, als wäre ihnen totenübel. „es liegt an den bässen“, dachte er besorgt, „die hauen voll in den magen“, und er beschloss, das lied zwar fertigzuspielen, aber sie weiter zu beobachten. man konnte ja nie wissen. vielleicht kippte noch einer um mitsamt seinem weinglas und dann wär wahrscheinlich der notarzt hier. er liess seine blicke schweifen, über die beunruhigend volle tanzfläche mit den ziellos wandelnden gestalten hin zur wand, wo die boxen standen. an einer box klebte einer von ihnen und wand sich wohl unter grauenvollen schmerzen, weiss wie die wand, mit aufgerissenen augen und starrem blick. er hatte noch nie gesehen, dass sich ein mensch auf diese weise bewegen konnte.

„krämpfe“, dachte er, „das arme ding, es hat krämpfe und niemand beachtet es, wahrscheinlich weil alle anderen ebenfalls an übelsten schmerzen leiden.“ „schmerzen machen egoistisch“, zuckte ihm durchs gehirn, „aber ich bin ja auch noch da, ich könnte eingreifen und das dingelchen zum ausgang führen.“ er konnte dem dingelchen kein geschlecht zuordnen, darum dingelchen. mit einem mal konsterniert blickte er es an. „was ist das nun eigentlich“, dachte er. weiss gott, es war undefinierbar, aber das war momentan das letzte, was zählte. er wollte hinüberstürzen, doch eine seltsame bewegung auf der tanzfläche liess ihn am fleck erstarren. zwei von ihnen waren anscheinend zusammengestossen, nun hielten sie sich aneinander fest und sanken wie sterbend zu boden. dort regten sie sich kaum noch. wie ein bündel stoff, dachte er mitleidig. daneben begann einer, seltsame bewegungsfolgen auszuführen! beinahe wie ein roboter führte er die arme erst in richtung boden, schien dort etwas aufzunehmen und es dann über seine schulter zu werfen. beinahe sah es so aus, als würde er mit einer schaufel erde aufnehmen und über seine schulter werfen. nur, welche erde denn? drogen. lsd. was sonst. er dachte, er wäre ein bauer auf dem feld und würde den boden umgraben. nun würde er sicher imaginäre pflanzen setzen. lsd ist ein wahres teufelszeug. verdrängte gefühle oder sehnsüchte sollen aufsteigen, hatte er gehört, und dieser mann (?) hatte anscheinend den inständigen wunsch, ein bauer zu sein und auf dem feld zu schaufeln. armer kerl. schaufelte in der disco erde. schlimmer konnte es mit jemandem nicht mehr kommen.

ein laternchen nahte heran. ein falbes, kleines gesichtchen dahinter, von unten beleuchtet, ein spöttisch lächelndes mündchen, augen, die etwas sonderbar funkelten. „sie ist ausgesprochen hübsch“, dachte er, „und über eine grablaterne kann man ja noch hinwegsehen“, also sah er darüber hinweg, auf die kette aus menschenknochen, die über ihrem ansehnlichen dekolletee prangte. wie tief kann man noch sinken, seufzte sein letzter gedanke, als er sah, wie sie sich in dem hals des schaufelnden mannes verbiss.

die lehmspur von ihren stiefeln nahm er nur am rande wahr. vielleicht war sie ja auf demselben feld gewesen wie er.

er riss die platte vom teller, blickte sich mitleidig um. es war zuviel für sie gewesen. er hatte ja auch probleme mit dieser platte, die er am flohmarkt diesem seltsamen, armen menschen abgekauft hatte, der wie unter grauenvollen schmerzen leidend in der prallen mittagssonne hinter seinem stand gesessen war, völlig kraftlos und siech und...gott, was hatte er mitleid mit ihm gehabt. deswegen hatte er die platte ja gekauft, aus purem mitleid, obwohl er die band nicht kannte, die arme, bleiche...gott, war der bleich gewesen...person soll sich auch mal freuen. der arme junge mann. er hatte ihm noch einen anhänger abgekauft, einen silbernen talisman, wohl ein kraft-amulett (das der junge mensch wohl dringender nötig gehabt hätte als er), das baumelte jetzt an seinem hals. er hatte es ohne zu überlegen umgehängt und war schon den ganzen abend auf sonderbare weise gegrüsst worden. wie war das noch gleich gegangen?

er versuchte es selbst, hob die hand und streckte den zeigefinger und den kleinen finger vor.


„ave satan“, kreischte das dingelchen, das noch immer an der box klebte. und zig hände hoben sich, um ihn zu grüssen, den meister der dunkelheit.

und so kam es, dass er der schlimmste von ihnen wurde, mitleid kann ganz schön runterziehen.

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