9.5.12
freitag der dreizehnte (kill baby kill)
der himmel war sagenhaft blau. babyblau, darauf wie mit deckweiss kleine wölkchen getupft. trotz der frühherbstlichen jahreszeit war der tag von frühlinghafter leichtigkeit, im wind lag der duft von blüten, rosen, gladiolen und
"nelken. ich mag nelken am liebsten. auch wenn sie momentan sagenhaft out sind. nelken sind irgendwie cool, haben sowas retrohaftes. ich fände es ehrlich gesagt ziemlich scheisse, wenn sie plötzlich wieder in wären."das mädchen, das sich solchermassen geäussert hatte, sass im schatten eines grossen gebäudes an eine mauer gelehnt da, mit einem handy am ohr und einer zigarette in der anderen hand."weisst du, mir ist das egal. so völlig scheissegal", ätzte sie gerade und zog einen schmollmund. "dann nehmt halt lilien oder weiss der henker was für'n grünzeug, aber fragt mich nicht, ich bin für nelken." und dann mit einem leichten lächeln, wobei sie die augen kurz überdrehte: "sag mal, könnten wir das thema wechseln? blumen am abschlussball, das ist nicht grad ein thema, das ich als abendfüllend bezeichnen würde."sie lauschte dem wortschwall, der in ihr ohr drang, lachte dann kurz auf und meinte:" ignorant also. na meinetwegen. du, es soll mir echt was schlimmeres passieren, als von euch für ignorant gehalten zu werden. würklich." im ernst, sie sagte tatsächlich würklich, aber in einem tonfall, der einem die gänsehaut auf dem rücken wachsen liess. und noch mal. "wüüürklich". gefolgt von einem ganz tiefen, angeödeten seufzer."mensch ihr habt vielleicht probleme, seid lieber froh, dass ihr momentan zuhause sein könnt. hier ist es..sagen wir mal.. ziemlich krass und das ist noch ein hilfsausdruck." wieder ein angeödeter seufzer, diesmal noch um eine spur tiefer. "die anderen kids wie zombies, nee, keine nerds im herkömmlichen sinn. ich mein', sie haben nicht ununterbrochen die nase in irgendwelchen programmierbüchern stecken oder schon quadratische augen vom ewigen monitor-glotzen. die wären eh recht cool, also die echten nerds. also sowas wie. cool, mein ich. sag ihr, sie soll sofort aufhören, zu lachen.ich hör das nämlich klar und deutlich. ich kenn' ihre lache. sag ihr, dass ich sie sonst schon am ersten schultag in den mistkübel stopfen oder sie wie 'ne fahne am dach hissen werde. mösch, echt." wieder ein schmollmund."jetzt lacht sie noch lauter. wie die kids drauf sind? mh.. schon ähnlich wie ich, nur irgendwie wirken die alle wie auf dope. weisste, so zugedröhnt. wahrscheinlich schlucken die das zeugs wirklich, das man jeden morgen hier so austeilt." jetzt lachte sie. zündete sich eine neue zigarette an und horchte währenddessen.dann nickte sie heftig."genau. das psychozeug meine ich. eine handvoll tabletten jeden morgen, riesendinger und schön bunt mit dem unübersehbaren label "psychopharmaka" drauf, also hab ich's mal gelassen. bin sowieso verpeilt genug. und die ammenmärchen, das zeug wär für den aufbau unserer immunkräfte, ihr wisst schon, nahrungsergänzungsmittel und blah, kannst du meiner oma erzählen und die würd es nicht glauben. die anderen..." tiefer zug aus der zigarette "die sind schon ewig hier, mindestens den ganzen sommer.merkt man auch, so daneben wie die jetzt schon sind. alternativferien, you know. schicken sie ihr defektes gör und sie kriegen es brandbeu zurück, quasi repariert, nur dass das gör dann leiderkeine persönlichkeit mehr hat. bei nichtgefallen geld zurück.. soll heissen, in meinem fall. warte mal eben, ich muss kurz was schauen."

sie legte das handy ins gras, stand auf und bewegte sich leise an der hausmauer entlang, um um die ecke zu spähen. angespannt hielt sie vorsichtshalber noch ein, zwei minuten ausschau, bis sie ganz sicher war, dass niemand sie beobachtete. dann schlich sie wieder zurück, setzte sich ins gras und nahm ihr gespräch wieder auf."falscher alarm", teilte sie ihrem gegenüber mit, "dachte, da schleicht sich einer an. sowas gibt's hier. die haben hier immer augen und ohren offen, könnte sich ja einer umbringen oder ritzen oder selbst verstümmeln, soll es gegeben haben, aber vor meiner zeit." schulterzuckend und sichtlich angeödet. "wen interessiert's. aber sie würden mir das handy wegnehmen, was echt ultimativ scheisse wäre. ich hätte es sowieso gleich am anfang abgeben sollen, aber weisste, dann wär ich ja von der welt völlig abgeschnitten. klar hab ich's versteckt, was dachtest du?internet? gibt's natürlich nicht. eine ablenkung von unserer, wie soll man es nennen? therapie? wir machen hier... " theatralische pause.. "waldspaziergänge. hört auf zu lachen, mensch." kurze lauschpause, dann lachend "ich latsch hier so durch die pampa, ok. obwohl man pampa durch wildnis ersetzen müsste. hier ist's sagenhaft wild und ziemlich düster, das ganze. ich meine..." griff zu den zigaretten, kippe professionell mit einer hand rausgefischt und angesteckt..."ich meine, dass so'ne gegend wie diese hier uns achso verhaltensgestörten..äh..jugendlichen...ey echt so 'nen sozialarbeiterjargon haben die hier drauf, nicht zu fassen...also dass uns kleinen psychos diese gegend nicht grad gut tun kann.man kommt auf komische gedanken. es sei denn, man mutiert zum zombie, genau. aber die gegend ist genau richtig, ein see mit dunklem wasser, gerade jetzt sieht es fast schwarz aus. genau, ich seh grad drauf, und auf diesen vermoderten landungssteg, diese ruine, die wir nicht betreten dürfen. könnte ja sonstwas passieren und die kleinen psychos würden dann mal geschlossen ersaufen. wär für einige von denen eh das beste. warum ich das sag?" grenzenlos angewiderter blick richtung fröhlich frühlingshaftem himmel, inklusive raserümpfen."weil's die wahrheit ist, mensch. was soll'n die noch vom leben erwarten können? die werden ihre alpträume doch nie los." sie lächelte plötzlich, ein liebliches, absolut deplaziertes madonnenlächeln, und fuhr dann fort: "ach ja, und das gemäuer, in dem wir residieren...sehr unheimliche location, ziemlich goth. mhm..." lauschte kurz. "was es damit auf sich hat? der ideale ort. es geht nicht besser. war mal ein kloster, das vor ziemlich langer zeit verlassen wurde, keine ahnung, warum. vielleicht sind siw ausgestorben. wahrscheinlich. mhm. katholisch. hängen nochüberall diese kreuze an den wänden, also es ist ziemlich köstlich." jetzt grinste sie, es war eher ein zähnefletschen wie das grinsen eines wolfs.

"nur die pfleger...äh...erziehungsberechtigten oder wie sie sonst heissen...ich frag mich, woher sie solche leute haben. machen auf autoritär, und sind gleichzeitig total naiv, also solche typen kannst du vergessen. ich frag mich manchmal..." mit versonnenem blick in den blauen himmel. "ach, vergiss es. war nicht so wichtig. ausserdem kannst du es eh nicht verstehen." sie lauschte dem wortschwall am anderen ende."jetzt sei nicht sauer. ich erzähl's dir ja, aber beschwer dich nachher nicht. die story könnte dir eventuell nicht gefallen. ich meine, so absolut nicht." wieder dieses lächeln, ein bildschöneslächeln, doch masenhaft, dahinter eisige kälte. "stimmt. du hältst das aus. du kannst ja echt 'n monster sein, dann mach ich mir also keine gedanken mehr. ok, ok!"inzwischen mit einer hand am mund, um das aufsteigende lachen zu unterdrücken, das hysterisch und schrill in ihrer kehle nach oben wollte. "mir geht's gut, keine sorge. mir geht's sehr, sehr gut." ihre augen füllten sich mit lachtränen. das wilde, unbändige gelächter wollte wieder nach oben, sie konnte e kaum unterdrücken, drückte die hand fest auf den mund und keuchte vor lachen. "weisst du, ich hab mich nur ziemlich oft und in letzter zeit immer öfter gefragt, wie lange sie brauchen würden. ich meine, wenn keine hilfe kommt. und wenn der ort so abgelegen ist wie dieser ort oder wie.. du erinnerst dich? das alte farmhaus, in dem die zwei geschwister lebten. der freitag-der-dreizehnte-mord? so hiess es doch in den medien, oder? was ich nicht alles weiss. dabei hätte ich nichts mitbekommen sollen, gar nichts, so wie mich die eltern danach...behütet haben. aber bei uns gibt es, im gegensatz zu hier, internet. sehr naiv von ihnen, einfach abstossend naiv. zu glauben. gerade sie. könnten jemanden. wie mich. beschützen.was, ich soll aufhören? du sagst im ernst, es täte mir nicht gut, wieder davon anzufangen? meinst du etwa auch, ich hätte probleme damit? vielleicht, weil ih damals...zeuge war und rein gar nichts tun konnte, um sie zu retten, als scott sie einfach so...mein scott, ein mörder. und gleich zwei personen. einfach so sterben gelassen, ohne gefühlsregung. am eigenen blut erstickt.scott ist ja nun tot. was, das weiss ich auch? selbstmord, hat sich in der haft erhängt, was wirklich ziemlich schade ist, aber vorher.. nun erzähl ich dir mal was, was du garantiert nicht weisst,nicht wissen willst..vorher hat er denen noch das beste lügenmärchen aller zeiten aufgetischt. um mich zu schützen, der liebe, naive kerl. wie wäre es, stellen wir uns einfach vor, dass alles etwas..mh..anders gelaufen ist damals in dieser nacht. es war so einfach. du kannst dir nicht vorstellen, wie einfach sowas ist. und scott, der ärmste, ich hör ihn noch immer sagen "baby, tu's nicht. lass uns einfach die kohle greifen und nen verdammten abgang machen, mehr wollten wir doch nicht, verdammt. baby, leg das messer wieder hin". es war fast zu einfach."gelangweiltes achselzucken. "und alle, von scott, der sagte, er wäre es gewesen, über mom und dad, die ihre wertvolle tochter gleich nach hause und später sofort in ne therapie bringen würden (das arme kind. und war scott nicht immer schon seltsam?), bis hin zu den cops später beim verhör, alle wollten mich immer nur beschützen."schweigen, einige minuten lang, aber am anderen ende war noch jemand. sie hörte atmen und etwas, das wie unterdrücktes schluchzen klang.

"weisst du, hier gibt's diesen jugendlichen, der schon öfter negativ durch seine aktionen aufgefallen ist. ritzen und unkontrolliert schreien und um sich schlagen, voll auf amok. man überlegt, ihn woanders hinzuschicken, wohl in 'ne geschlossenen anstalt, weil er vor kurzem einen pfleger tätlich bedroht hat. aber er ist noch hier, hab ihn vor kurzem noch gesehen. er ist meistens auf seinem zimmer, aber er ist noh hie. ich frage mich, wem man die schuld geben würde, wenn die pfeger der reihe nach mit durchschnittener kehle gefunden werden.naiv, wie sie hier sind, sperren sie nachts ihre zimmertüren nicht zu. stell dir diese unglaubliche naivität vor, die haben es wirklich verdient. es ist ein grosser fehler, zu vertrauensselig zu sein. genauso wie die geschwister damals. dummes pack.du kannst mir übrigens zum jubiläum gratulieren. heute ist wieder freitag der dreizehnte. ich glaub nicht mehr an zufälle. alle ist vorgezeichnet, es muss so sein."das lächeln einer madonna wischte alles böse, den ganzen zynismus, von ihrem gesicht. ein junges bildschönes mädchen, das zum himmel blickt und vor sich hinträumt, davon wie es ist, "wenn leute in real sterben, ist ist interessant, wirklich. ach, by the way, vergiss das mit den nelken, ok? lilien wären doch viel besser." am anderen ende hörte man jemand leise schluchzen. dann legte der jemand auf.

nachtrag: sie hatte wirklich viel fantasie. viel zuviel. was einiges rechtfertigen mochte. aber eine freundin so zu verarschen, ging eventuell eine spur zu weit. auch wenn besagte freundin die neugierigste person auf der ganzen welt war und verrückt nach düsteren legenden. diesmal war sie zu weit gegangen.auch fast schon kriminell!

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