22.12.13
archangel bar

archangel bar

eine bar, sie heisst archangel.
gotisches gemäuer, hohe spitzbogenfenster, neonkälte. 

 
die meisten leute, die sich hier treffen, teilen ein geheimnis. getränke und energien sprudeln lichthell. draussen ziehen prozessionen vorbei, totenfiguren werden mitgetragen, die gassen sind eng und dunkel, nur von schwachem licht aus laternen erhellt. die leute tragen fackeln. die archangel-besucher hängen an der bar rum oder kauern in dunklen, steinernen nischen und beobachten die
leute in der prozession, während sie ihre cocktails schlürfen.
sie sehen fremdartig aus. sie wirken tot. dennoch nehmen sie anteil am geschehen, sie mischen sich teilweise auch unter die menschen, die draussen vorbeiziehen. unter ihnen sehen sie wie leuchtende sterne aus.
aber selten betritt ein mensch diese seltsame bar, die unabhängig von zeit und raum dort in dieser dunklen stadt existiert. wenn sich ein mensch hereinverirrt und nach einer zeit wieder die bar verlässt, wirkt er ebenfalls fremd. er wird wiederkommen, eine andere wahl hat er nicht mehr. er leidet zu sehr, wenn er nicht kommen würde - nur, um sie zu sehen, zu spüren, sich zu erinnern.
  joy is my name, sweet joy...

  - remember -
steht auf einer wand.
remember. und das tun sie. sie wissen, was wirklich weh tut. aber sie können nicht anders.
remember. in den raum hinein geflüstert. 
remember. im blauen licht erstarrt.
  joy is my name

  ernst gehen die menschen vorbei, manche blasse fragende gesichter spiegeln sich in den scheiben der bar. die tür ist offen.
remember.
zerbrich an mir.
  remember
transform your mind, leave this world
mutation


eine weisshaarige gestalt lehnt an der bar, denkt gerade, dass ohne die leute der archangelbar die einsamkeit unerträglich wäre. ohne diesen ort würde es enden, alles. auch mit einer der gründe,  warum die bar existiert. vielleicht ist sie so entstanden, aus der einsamkeit heraus, aus den letzten, verzweifelten versuchen der besucher, den traum nicht enden zu lassen. 

vielleicht war da mal goth, denkt shine, das wesen an der bar. irgendwann, vor langer langer zeit, war da mal etwas, das sich goth nannte.  netter versuch, grinst shine. gar nicht so übel für wesen, die nicht mal wissen, worum es hier geht. und die es nicht wissen wollten.  der weisshaarige vampir lächelt verächtlich. es war wie immer. und trotzdem war da etwas, am anfang, das stark zu sein schien. ein gefühl nur, das nach und nach von kälte verdrängt wurde, bis da nichts mehr war. ‚vielleicht beim nächsten mal, aber ich bezweifle es‘. ‚es wird wieder so sein wie jetzt. einige werden hierherfinden und die meisten werden einfach in der versenkung verschwinden, als hätten sie ihre identität  verloren. vielleicht hatten sie ja auch keine. schade um sie.‘
‚wie schade‘. 
‚don’t let it end. geschmacklos....‘
joy division kam und shine ging tanzen. :-)
some things will never end...


regen flüsterte, als shine erwachte, regen rann auch an seinem gesicht herab und  an den langen haarsträhnen. er lag auf der erde und starrte zum grauen himmel empor, aus dem die wassermassen stürzten. er konnte die einzelnen schweren tropfen fallen sehen und kniff die augen zu, als sie sein gesicht trafen. die wolken waren schwer und sie zogen wie schiffe mit geblähten segeln über den himmel. er lag mit weit geöffneten augen da und dachte zum ersten mal seit langem an nichts. nur der regen war da und die wolken, die über den himmel segelten. Und das flüstern und wispern der regentropfen. shine lächelte, als er das geräusch hörte. irgendwo rauschte ein fluss. das rauschen des flusses und die bewegungen der wolken am himmel machten ihn schläfrig, ihm war warm und er dämmerte langsam ein.


gerade war er auf der tanzfläche mit jemandem zusammengestossen. zuerst kannte er sich nicht mehr aus, war sonderbar unkoordiniert, als hätte er zu viel getrunken. er stützte sich kurz an der schulter desjenigen ab, in den er vorhin frontal hineingetanzt war und murmelte eine entschuldigung. derjenige schloss ihn fest in die arme und drückte ihn an sich und da bemerkte er erst, dass es agony war. 

sein schwindelgefühl verging und wich aufrichtiger bewunderung, als er diesen wahnsinnsiro sah. das war mal ein schöner anblick, genau so einen brauchte  er jetzt. der unglaublichste eighties-overdrive, den er je gesehen hatte. agony schien heute nacht die achziger pur zu verkörpern und shine grinste in sich rein, als er diese unglaublichen, zerfetzten teile betrachtete, die teilweise durch sicherheitsnadeln zusammengehalten wurden, teilweise nur durch pure willenskraft von agony. er sah dem weissblonden vampir ins gesicht. die kühlen augen musterten ihn spöttisch.
‚wieder mal geträumt.“
„und in deinen armen aufgewacht“, grinste shine

und nichts wird so sein wie früher, wisperte die stimme aus den schatten, nichts,  und deine augen, sie werden die welt sehen wie einen bunten strom aus bildern, die rücklichter auf einer nächtlichen autobahn, rote, gelbe, leuchtende punkte, die kurz aus der dunkelheit auftauchen und wieder verschwinden, als wären sie nie dagewesen, in der vergessenheit verschwinden, all die schönen leuchtkäfer. wie sie durch die nacht driften, die leuchtenden punkte, dein LSD-neontrip, in dem du gefangen bist und shine du kommst auf horror
knochenweissen horror


we are driving on a highway and oh god you are driving too fast
nothing to hold on
but this moment
this moment itself

und der weisse vampir tanzte und hatte die augen geschlossen, in den armen seines freundes, der ihn langsam hin und herwiegte und sein gesicht zärtlich liebkoste, bis da nichts mehr war ausser dem rhythmus der musik und sanften berührungen. bis die welt sich auflöste.

„sag mal, weinst du?“


„nicht, dass ich wüßte. lass uns von hier abhauen, bisschen durch die nacht fahren. die nacht ist zu schön, um drinnen zu sein. sonst komme ich noch auf horror:“
 
  sterbend

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