30.9.18

fading light







wasteland. langsam sollten wir heimgehen. 
aber wir zögern den augenblick hinaus. 
den augenblick des abschieds, die rückkehr in unsere welt. 
ja wirklich? irgendetwas fühlt sich falsch dabei an. 
ich denke, wir verlassen unsere welt und kehren in die fremde zurück.





29.9.18



in der letzten zeit suche ich wieder vermehrt dunkle orte auf. als wäre diese dunkelheit nötig, um überhaupt nachdenken zu können. um die gedanken zu klären... so als würdest du die welt durch einen dunklen kristall betrachten, in allen facetten eines düsteren regenbogens. es ist der ort, an dem meine träume auf mich warten. ich nenne diesen ort dark city. nur die wesen, die mir ähnlich sind, finden dann noch zu mir. es ist eine art heimat. sicher und geborgen … fern von lärm und grellen lichtern. dunkelheit und stille. hier finde ich alles, was ich brauche.



25.9.18

gefässe ohne inhalt


es gab doch tatsächlich zeiten, die es im grunde gar nicht gab. zeiten ohne irgendeine nennenswerte beschäftigung, zeiten, die vergangen wie etwas vergeht, das hohl und nichtssagend und ohne inhalt ist, und sie war das gefäss, das diese nichtssagende und hohle leere enthielt, von zeit zu zeit. ein gefäss, das nichts enthält, ist wohl eine paradoxe angelegenheit. es steht herum und ist einfach nur da, doch der eigentliche zweck des gefässes wird nicht erfüllt. und so misst man das gefäss dann an seinem aussehen. denn es ist ja leer, der eigentliche sinn des gefässes, das beinhalten, wird nicht erfüllt. so kam es dann, dass man gefässe nach ihrem aussehen beurteilte. entspricht es der allgemein akzeptierten norm der ästhetik? geht es sogar darüber hinaus? oder ist es auch äusserlich nichtssagend und öde? dann muss das gefäss ganz weit weg gestellt werden, am besten gleich weggeworfen. es beleidigt das auge. und sinn hat es noch dazu keinen.

und so kam es dann also, dass menschen einander nur noch nach ihrer äusserlichen form zu beurteilen begannen. manche fragen sich noch immer, wie es dazu kam. sie verstehen nicht, dass der sinnn eines gefässes das bergen von inhalt ist. sobald das gefäss diese bedingung nicht mehr erfüllt, gelten andere masstäbe.


jeder für sich, und doch für alle. es ist ganz einfach. man fülle das gefäss bis zum rand und man soll nicht ruhen noch rasten, bis wirklich das ganze gefäss gefüllt ist. man soll suchen und vielleicht sogar unter schmerzen suchen – zu viel leere ringsumher – eine suche wird unter garantie nicht einfach und der suchende wird phasen des schmerzes und der schwäche erleben. dann einmal, ganz plötzlich, wird man eine veränderung bei sich wahrnehmen, die ungeheuer gross ist. man sieht ganz urplötzlich in andere hinein und man sucht nach dem sinn dieses gefässes, man sucht den inhalt und das optische tritt zurück, denn es ist nicht mehr das hauptkriterium beim beurteilen von anderen. und so kommt es dann, dass menschen die grösste evolution selbst erzeugen, eine evolution, die nur dem menschen selbst möglich ist, kein tier gleicht ihm jetzt noch. er sieht an verzierungen und farben und ornamenten vorbei, er beachtet sie nicht. er sieht etwas, das besser ist. wahrscheinlich wird er dann von sich behaupten, dass er gerade glücklich ist und worte werden fallen, die er zuletzt als kind verwendet hat. worte, die ihm endlich wieder gerecht werden, nach denen er gesucht hat, die ganze zeit lang.

ich breche eine lanze für den menschen. er ist tatsächlich schön. wenn er sich selbst eine chance gibt und seine schönheit nicht hinter falschem tand versteckt.


ich sehe meine grossmutter, sie ist 94 jahre alt. manchmal, wenn wir ins gespräch vertieft sind, geschieht etwas, das so wunderbar ist. sie ist eine alte frau und dennoch wieder nicht. denn sie spricht davon, wie es ist, die nase in den frühlingswind zu recken und zu schnuppern und von den ersten veilchen, die unter den hecken geblüht haben und die sie mit ihren freundinnen gepflückt hat. und plötzlich ist er da, der wind, der vom rhein her weht. ich sehe den grossen, breiten fluss und meine grossmutter als junges mädchen, ich sehe, dass die müdigkeit ihren blick völlig verlässt, und sie nimmt mich mit, ich bin wahrhaftig dort mit ihr, ich bin ein spiegel und mehr noch, ein anderes gefäss, das diesen inhalt in sich aufnimmt und birgt. wer könnte wirklich behaupten, dass andere kriterien als diese gelten sollen? wer misst diesen menschen an seinem alter, an den falten, die er im gesicht trägt? wer versteigt sich dazu, zu behaupten, ein alter mensch hätte seine schönheit verloren? weil seine haut gealtert ist? weil sein körper der natur unterworfen ist? ein teil hingegen ist nicht der natur unterworfen. das, was den menschen erst zum menschen macht. genau dorthin führt mich meine suche. es ist ein weg voller mühsal und doch, wie reich wird man beschenkt. den menschen, sich selbst eingeschlossen, nicht als parasiten oder krebsgeschwür zu sehen, ist ein teil davon.

23.9.18

Thomas Mann für Archangel


Seltsame Orte gibt es, seltsame Gehirne, seltsame Regionen des Geistes, hoch und ärmlich. An den Peripherien der Großstädte, dort, wo die Laternen spärlicher werden und die Gendarmen zu zweien gehen, muß man in den Häusern emporsteigen, bis es nicht mehr weiter geht, bis in schräge Dachkammern, wo junge, bleiche Genies, Verbrecher des Traumes, mit verschränkten Armen vor sich hinbrüten, bis in billig und bedeutungsvoll geschmückte Ateliers, wo einsame, empörte Künstler, hungrig und stolz, im Zigarettenqualm mit letzten und wüsten Idealen ringen.

Hier ist das Ende, das Eis, die Reinheit und das Nichts. Hier gilt kein Vertrag, kein Zugeständnis, keine Nachsicht, kein Maß und kein Wert. Hier ist die Luft so dünn und keusch, daß die Miasmen des Lebens nicht mehr gedeihen. Hier herrscht der Trotz, die äußerste Konsequenz, das verzweifelt thronende Ich, die Freiheit, der Wahnsinn und der Tod...


ArchangelBar - Intro


19.9.18

chamber of isis

die nacht steht im widerspruch zum lebendigen menschen hier ist kein platz für das lebende, atmende nur das tote am menschen darf hier sein und lebende, die sich dem tod angenähert haben, immer mehr... den atem unterdrücken, das herz zum stillstand bringen langsam...immer mehr bis du als totes ding vom mondlicht süss berührt den atem der ewigkeit ausströmst kein wort wirst du mehr äussern kein gedanke verglüht hinter deiner stirn zu asche still gleitet ein dunkler schleier zu boden und die welt, sie strahlt, sie leuchtet und spiegelt sich nicht in deinen augen


archangel bar, chamber of isis

18.9.18



"Die gerade Linie ist gottlos und unmoralisch."



Friedensreich Hundertwasser, Verschimmelungs-Manifest




17.9.18

der grüne bauer


heut ist in der zeitung gestanden, dass es strengstens verboten ist, schnaps oder tee mit thujen zu brennen bzw. zu brauen. in klammer wurde "grüne fee" dazu geschrieben. also irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand diese krude vorstufe von absinth überhaupt runterbringt. das muss so bitter wie galle sein. ausserdem würd ich das nicht wirklich als grüne fee bezeichnen, eher als brüner bauer. aber stellt euch den thujon-gehalt vor - der muss tödlich sein.
wenn wir uns mal vernichten wollen, dann brennen wir uns den grünen bauer.
früher hat man auch engelstrompeten-bier gebraut...also was die leute sich so hinter die binde kippen, ist grausam.

und noch ne nachricht, die einigermassen bizarr ist: bei uns in graz hat ein student alle seine sachen aus dem fenster geworfen und wild rumgebrüllt. was auffällig war, war die tatsache, dass alle sachen anscheinend in schwarz-weiss waren.
auch das alte fernsehgerät. dabei hat er geschrien: schwarz und weiss vertragen sich nicht miteinander!! laut meiner kollegin hat die polizei drei strassen gesperrt. der kerl ist jetzt in der nervenklinik...
den artikel werd ich mal scannen - ich hab ihn kopiert - und dann stell ich ihn hier rein.
es ist so strange..in meiner story spookland hat einer genau dasselbe gemacht *lol*


archangel bar, café paradox


14.9.18

neverending

the neverending bar


wie es bei lokalen nun mal so üblich ist...man wächst mit der zeit, aber das alte will man auch wieder nicht aufgeben. man ist gewöhnt an den ort, wo alles begann, vielleicht ist es eine art von liebe. es wird daher ab heute auf diese art laufen:
dies hier ist und bleibt archangel, die erste. soll heissen, es ist eine winzige bar irgendwo in
einer sehr dunklen stadt, mit einem mysteriösen barkeeper, der direkt aus den schatten der nacht zu kommen scheint, mit gästen, die ebenso wie er die stille der nacht lieben. da die bar so klein ist und viele leute auch quartier wünschten, gab es bald die zweite bar inclusive hotel, ein paar strassen entfernt von hier, unweit zu erreichen. ein schillernder ort voller schillernder seelen. anders als hier, doch faszinierend und voller neuer und spannender eindrücke.

doch hier ist und bleibt der ursprung und bestimmte geheimnisse werden diesen ort niemals verlassen.
und so bleibt auch shine, und lehnt an der bar, lächelt euch zu, wenn ihr hereinkommt, so wie heute...
manchmal legt er für euch auf, wie ihr wollt, ihr könnt tanzen oder einfach nur zuhören, ein altes gefühl steigt empor...es wird wohl liebe sein.
a strange kind of love
und er hört zu, ganz genau tut er das,
so wie immer.

hier ist es dunkler als drüben im hotel, wo es lichter gibt, bälle und viele parties. es ist hier so dunkel, dass man manchmal kaum die hand vor augen sieht. diese gasse hier ist nur von gaslaternen erleuchtet...manche fürchten die dunkelheit noch mehr als den tod. sie werden diese gegend meiden.*g*
vor der bar brennen zwei fackeln, zur rechten und zur linken des eingangs.
in den hohen gotischen spitzbogenfenstern leuchten kleine öllämpchen in düsterem rot.
das innere der bar ist von aussen nicht zu erkennen... erst, wenn man das tor öffnet, wird man sie sehen, die besucher in den nischen und um die bar versammelt, die schrift an der wand, in kaltem blau

remember

archangel in 2006...ein gutes neues jahr allen besuchern und freunden, den unsterblichen seelen und den engeln, den verlorenen kindern und denen, die wir lieben.
peace


archangel bar, silvester 2006




es hätte so weitergehen sollen. genau so. die alte bar, die alten geheimnisse. ununterbrochen denken, philosophieren, so unendlich viele fehler, doch die wahrheit, so selten sie sein mag, klar wie ein kristall, man muss um solche dinge kämpfen, versteht ihr denn nicht, dass wir verlernt haben zu kämpfen, wir haben schon verloren, als wir begonnen haben und mein herz zerbricht daran

9.9.18

höllenaquarium



in einer ecke des lokals steht ein aquarium. es ist dunkelgrün und rötlich beleuchtet und scheint düster vor sich hinzuglosen. manchmal gehen gäste dorthin und scheinen irgendetwas hineinzuwerfen, nur was genau, das kann man nicht erkennen.
die vegetation ist üppig wie ein unterwasser-urwald und wuchert oben aus dem aquarium heraus,
einige pflanzen tragen grosse, exotische blütenkelche, die betäubend duften.
die fische im aquarium sind nur als schatten zu erkennen, sie sind gigantisch gross. im rötlichen licht
scheinen manchmal nadelspitze zähne auf und sie geben geräusche von sich, ähnlich wie singen.
ihr gesang unterscheidet sich jedoch von dem der wale, er ist anders als alles, was man je gehört hat.
es sind hohe kalte töne, die den anwesenden schauer über den rücken laufen lassen, und doch
liegt schönheit darin. es sind töne, die erinnerungen bringen - ob man sich jedoch wirklich erinnern will, ist eine andere sache. aber man muss - wenn man sie hört.
über dem aquarium hängt ein schild in blutroter gotischer schrift:
das höllenaquarium
die fische ernähren sich von bösen gedanken und träumen, vom bösen selbst.
sie stammen aus einer urwelt fern von hier und ähneln gigantischen piranhas.
mit ihren scharfen zähnen zerfetzen sie alles in sekundenbruchteilen.
ihre wut leuchtet wie glut aus ihren augen.
füttert sie.
sie fressen immer.

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es gibt ein uraltes fischweibchen, das heisst fleur.
fleur ist neugierig geworden. die fremden gedanken stimulieren ihr archaisches gehirn, sie bleckt die zähne, sie schnappt nach ihnen und legt tausend eier in die wunden ihrer männlichen artgenossen, die sie ausbrüten, um neue pflanzentriebe zu gebären.
sie schnellen in die höhe, versuchen soma zu erfassen und ranken sich zischelnd an der wand empor.
fleur legt eier in schwärende wunden. die duftenden blüten über dem aquarium sind ausdruck ihrer zerstörerischen lebendigkeit. meistens hinter einem pflanzenschleier verborgen, tritt sie nur selten hervor. meist träumt fleur hinter ihrem vorhang aus giftigen gedankenpflanzen.
fleur stammt aus indien, und trägt das zeichen der kali auf der stirn wie eingebrannt. sie ist das lieblingstier der göttin kali, und fleur ist alt wie die welt.
sie ist die schönste und schlimmste von allen.

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archangel bar, café paradox


7.9.18

shine in the dark



wenn du was sagst horche ich auf das echo deiner worte
ich bin betrunken
ich suche in deinen augen und finde etwas uraltes
das immer für mich da war
vielleicht liebst du mich
vielleicht bist du nur zu kühl um es zu sagen
ich lächle in meinen wein und amüsiere mich
während der eisstrahl deiner augen mein herz durchbohrt
ich wär jetzt gern am friedhof mit dir
target: fixed




ich bin ein wenig betrunken, aber das ist es nicht...
vielleicht hör ich die schritte meiner freunde am kies der friedhöfe
gerade jetzt
ich wende mich um und lächle in ihre weissen gesichter
und sag: "wo wart ihr denn alle die ganze zeit?"
und juli antwortet: ich bin doch hier"
it's just a feeling i get sometimes
a feeling i get sometimes…




5.9.18

r.i.p. shine



"i'm deranged". bowies stimme lag noch immer wie ein nachhall im raum. shine wischte sich über die augen. grinste kurz und murmelte: "auf ein neues", und stand langsam auf. die anderen waren irgendwo auf der tanzfläche, sie hatte sie aus den augen verloren. so viel nebel, so viel licht. verwirrend. sie ging über die tanzfläche und es kam ihr vor, als würde sie einen einsamen pfad entlanggehen, inmitten der tanzenden, als wäre sie ganz allein. keiner berührte sie. ihr war es, als würde sie durch zuckende schattenrisse gehen, durch einen korridor von scherenschnitten und wehenden stoffetzen. sie schwebte mitten durch sie hindurch. bis der korridor sie zur eisentür nach draussen führte, durch sie hindurch, hinaus auf die strasse und weiter, bis sie auf einem kleinen, mondlichtübergossenen platz anhielt.

hier war sie noch nie gewesen. das dunkle rondeau des platzes glänzte metallisch im licht. ihr war ein wenig unwohl und sie atmete die kühle nachtluft tief in ihre lungen. ihre knie zitterten, als wäre sie weit gelaufen, dabei war sie nur die paar meter vom club hierhergegangen. wo war sie eigentlich? sie drehte sich einmal um ihre eigene achse, dann ein zweites mal. sie hatte die orientierung verloren. und sie wusste nicht mehr, wie lange sie wirklich gegangen war, bis sie hierher gelangt war. sie fühlte sich erschöpft,  aber eine merkwürdige euphorie war in ihr, vermischt mit einem leichten anflug von angst. dass sie nichts mehr wusste, machte ihr sorgen. dass sie keine ahnung hatte aus welcher richtung sie gekommen war. denn es gab mehrere strassen, die in den platz mündeten, viele dunkle ein- oder ausgänge, die lichtlosen höhlen glichen oder gähnenden mündern. es gab keine laternen in den strassen. nur der kleine park im zentrum des platzes war schwach beleuchtet. es war an der zeit, dass sie hierhergefunden hatte. das wusste sie genau, aber die bedeutung dieser erkenntnis war ihr verborgen. und sie ging in den park hinein, auf das bleiche licht zu, das zwischen den bäumen glänzte. sie ging auf das licht zu und weinte.

und genau das war das unlogische daran. shine konnte nämlich nicht weinen und als sie über diese tatsache nachdachte,  wachte sie auf. sie lag auf der seite, dem fenster zugewandt, und starrte direkt in den kältesten mond aller zeiten. eine korona aus bläulichem violett umgab ihn in mehreren ringen.
ein leichter windzug drang durch das geöffnete fenster neben ihrem bett und die knöchelchen und glasscherben des windspiels klapperten und klirrten leise. über nacht war schnee gefallen.....



ausschnitt aus 'spookland'