23.2.19

nachtvogel

eine strassenlaterne schwimmt wie eine leuchtboje
durch das nebelmeer
verschwindet
taucht wieder auf
verschwindet

mit nassem gefieder taucht der nachtvogel
nach flinken traumfischen
sein ruf verhallt klagend im ozean der nacht

20.2.19

prager gedanken


ein teil meines familienerbes ist die trauer. sie befindet sich in meiner erinnerung. eine art von ahnung, dass ich genau weiss, was sich hinter den dunklen hausmauern des alten prag abgespielt hat und sich teilweise immer noch abspielt. die trauer ist meine lebensenergie.
man kann das zentrum der trauer eingrenzen, beinahe lokalisieren. es sind die länder im zentrum von europa, länder, die aus weihrauch, dunkelheit und geheimnissen bestehen. die prager schwermut ist ein teil meines erbes. wahrscheinlich könnte ich auch in budapest darauf treffen. die prager judenstadt ersteht aufs neue in mir, als würden die verschwundenen häuser wie nebel in der luft schweben. vielleicht tun sie das auch. das zentrum von prag schnürt so vielen die luft ab, doch ich kann wieder atmen, in der alten, schweren luft...alte, schwere luft, die nach uraltem holz riecht. zeichen, die in der luft stehen, symbole, wie in die schwere luft gemalt. ich habe sie nie zuvor gesehen, aber ich erkenne sie. ich kenne ihre bedeutung. das lachen wird in prag wiederkommen, wenn ich die symbole sehen kann.

schweres gold der kerzenständer, schimmernd im halbdunkel, verfallene, schiefe grabsteine mit verblichenen inschriften, löwen als wächter der ewigkeit. weihrauchnebel. schwindel im kopf, so viel schwindel, aber ein grosses lachen in mir. engste gassen, so eng wie sonst nirgendwo auf der ganzen welt. windschief, alles. so windschief wie ich. begradigt ist nichts, alles webt und baut. die häuser scheinen sich selbst zu bauen und sich dabei aufs herrlichste zu amüsieren. in der nacht vielleicht ein bisschen mehr, am tag ein bisschen weniger. die häuser bewohnen sich selbst, atmen in die gassen hinaus, stossen einen strom von erinnerungen aus, sorgen selbst für ihre unauslöschbarkeit. sie sind alle noch da. manche können sie sehen. als nebel, als rauch, als kerzenschein. sie haben dafür gesorgt, dass das funktioniert. prager häuser sind klug.

wie schwarzer, dichter rauch, der aus einem gefäss aus eisen quillt, ist meine trauer. schmiedeeisen, schwärzer als alle metalle. ein symbol formt sich darin, doch ich kann es noch nicht genau sehen. es steht im zentrum des rauches. wenn ich näher herangehe, kann ich es wahrscheinlich sehen...
ein grosser geist schwebt über der stadt. er erstreckt sich über die ganze stadt und füllt sie aus bis zur letzten nische. ein bilderbogen an erinnerungen und mit kinderhänden blättere ich darin. und mit kleinsten kinderhänden baue ich langsam das puzzle zusammen, das ich bin. kein teil des puzzles ist maschinell gefertigt worden..die meisten teile sind krumm, verbogen, schief und sie passen genau in meine kinderhände. und das kind, das ich bin und bleibe, kann sich nicht sattsehen an der vielfalt der teile, an den farben und seltsamen formen, an den symbolen und gefühlen.

warum immer die judenstadt? warum bin ich ein judenkind, obwohl meine eltern keine juden sind? ich weiss genau, dass ich jüdisch bin,  manchmal tut es weh..sehr. trotzdem...ich möchte es nicht anders haben. meine wahrnehmung unterscheidet sich so sehr von den anderen, dass wir keine gemeinsamkeiten mehr haben, dass mich keiner mehr versteht, aber trotzdem...das, was ich fühle, was mich zum menschen macht, ist so gross und kreativ, dass es meistens wie ein geschenk wirkt.
und wieder streune ich durch das nächtliche prag und wieder bin ich der einsame gast, der keinen körper hat.

16.2.19

Unsterblich


Schon wieder ein völlig überfüllter Zug, natürlich bei Tag (!). Wer Menschen in einer Ansammlung sieht, versteht, wie Geisteskrankheiten entstehen. Verfolgungswahn, Paranoia, Schizophrenie.
Wer diese Menschen sieht, ihre primitiven Verhaltensweisen wie den gemeinsamen Ansturm auf den einfahrenden Zug (der Ruck, der dabei durch die Menschenmenge geht, ist für einen sensitiv begabten Menschen als körperlicher und seelischer Schmerz spürbar), weiss, warum Menschen totgetreten werden, bei Konzerten, Fussballspielen. Flucht.


::10 Minuten davor::
Hier, sehen Sie, genau an diesem Ort sind 40 Menschen totgetreten worden‘. Die Worte des Taxifahrers, der das Schattenwesen zum Bahnhof befördert.‘Das war der Eingang. Zum Bunker. Damals, als die Stadt bombardiert wurde. 40 Menschen.‘ Und:‘Ich könnte nicht. Draufsteigen. Menschen. Sind. Bestien.‘
Der zerbrechliche Mann, der wie ein lebendig gewordenes Bild Chagalls aussieht, gehört nicht in diese Stadt. Ein Einwohner, aber doch fremd. In Prag wäre er am rechten Platz. Spinnwebneblige, verrauchte Zimmer, krachende Stühle, quietschende Tür. Herbst in Prag. Das Schattenwesen krümmt sich vor Schmerzen. Der dünne, alte Mann mit dem Rabbibart spricht über Astrologie, meint, das Schattenwesen würde ewig leben. Wasserzeichen leben ewig. Das Wasser spült das Gift heraus. Alles, was schädlich ist, wird vom Wasser weggeschwemmt und vom tiefen Ozean verschluckt. Das Geschöpf im Fonds lacht. Glücklich...schon so früh am Morgen, bei Tageslicht! Unfassbar. Der Prager Taxifahrer redet, während das Geschöpf genüsslich raucht.


Das Haus in Prag ist krumm. Tausend Augen schauen aus blinden Fenstern heraus. Der Rabbi spricht mit den Toten. Essigsaure stählernbittere Qual muss er essen, muss essen das Totenbrot, trinken den vergorenen Wein aus den Mäulern der Toten.
Seine Schrift muss krakelig sein unleserlich krakelig Krähenfüsse Spinnenzeichen an der Wand Geheimschrift nur bei Mondschein sichtbar. Gedankenverloren zupft das Schattenwesen einige Spinnweben von der Decke. Er trägt einen handgestrickten Pullover warm ist er nicht, aber besser als so manches. Er ist mager.


Eine böhmische Köchin wär mein Wunsch gewesen mein Leben lang...
Mohn, Zucker, Zimt und Sterne.

13.2.19

Euro Night


Die einsamen Reisenden in dem Zug, der durch eine Winternacht fuhr, sassen still auf ihren Plätzen. Keiner sprach ein Wort, ja, es wirkte, als wäre ihnen die Sprache abhanden gekommen.
Wie steinerne Statuen sassen sie da, den Blick nach innen gerichtet und liessen ihre Gedanken in die eiskalte Nacht strömen.
Das Schattenwesen hatte sich in seinem Sitz verkrochen.
Wie immer sass es ganz hinten, gleich bei der Tür, hinter ihm nur noch die Wand des Abteils. Es dachte über die Stille nach. Amüsiert lehnte es sich zurück und dachte, wie intelligent Menschen plötzlich wirkten, jetzt, da ihnen die Sprache abhanden gekommen war.
Jetzt hörte das Wesen, dessen Heimat Schatten und Nacht waren, den Menschen zu, denn es hatte längst schon begriffen, dass es sinnlos war, dem gesprochenen Wort zu lauschen.

Die Schatten der Nacht erlauben keine lauten Töne. „Alles Laute tötet uns“, sprach es unhörbar in die Stille, „es verletzt uns, reisst tiefe Wunden in unsere Seelen, treibt uns in den Wahnsinn.“
„Die Stille ist unsere Welt.  Ihr jedoch fürchtet sie, denn in der Stille hört ihr, wie die Sekunden eures Lebens verstreichen, hört den feinen Sand durch das Glas der Sanduhr rieseln.
In der Stille findet ihr euren Tod.“
„Doch bedenkt, dass er immer neben euch steht, egal, was ihr tut, um euch abzulenken (um das Leben, wie ihr meint, zu spüren).“
„Nehmt ihn auf in eure Herzen“,
sprach das Wesen weiter, „seid eins mit ihm, verdrängt ihn nicht aus euren Seelen, die nach ihm verlangen.“
Das Schattenwesen, das sich ganz hinten im Abteil verkrochen hatte, fühlte sich plötzlich als Mittelpunkt einer schweigenden Versammlung, als Zentrum eines Kreises von stillen Statuen.


Und die Gedanken der Reisenden strömten weiter wie ein warmer Fluss in die Eiseskälte der Nacht.
Ruhig sassen sie da und der Tod war mitten unter ihnen.

-Gedanken im EuroNight,
in der Nacht des 24.3.1998,
einer wahren Winternacht-



Nachtrag: „Der Tod steht euch gut“, grinste das Schattenwesen. „So seht ihr gleich viel eleganter aus!“

2.2.19

Der Tod des Clowns

Der Clown mit der glitzernden Träne auf der Wange lag auf dem Rücken. Er hatte die Augen weit geöffnet, ein fragender Ausdruck lag in seinen Augen. Beinahe sah es so aus, als würde er schlafen. Seine Mundwinkel waren zum ewigen Lächeln hochgezogen. Er lag da wie im Schlaf.
Langsam breitete sich eine Blutlache um ihn aus. Eine rote Rose lag auf seiner Brust, über seinem Herzen. Die künstliche Träne glitzerte silbrig, er lächelte.
Die Leute, die über ihn hinwegstiegen, um zum Ausgang zu gelangen, vermieden es, in sein Gesicht zu sehen. Geschah es dennoch, glitt ein Ausdruck tiefer Sorge über ihre Gesichter, starrten ihre Augen wie dunkle Schächte ins Leere, erstarben Gelächter und Worte. Mit zitternden Lippen und Entsetzen in den Augen blickten sie auf die Rose in seiner blassen, fragilen Hand. Starrten in seine fragenden Augen. Versuchten, Antworten zu finden, für ihn, für sich selbst. Zum ersten Mal sahen sie ihn wirklich an.

„Er war wunderschön“, bemerkte eine junge Dame und bemühte sich, mit ihren Schuhen nicht ins Blut zu steigen. „Ja, das war er“, bestätigte ihr Begleiter. „Als Kind habe ich von ihm geträumt“. Er blickte unsicher zu ihr auf – er war einer der wenigen gewesen, die sich zu der Gestalt am Boden gebückt hatten, um sie zu inspizieren. „Damals war er aber, nunja, lebendiger“. Er lächelte, nahm sie in die Arme, ging mit ihr zum Ausgang. Als sie hindurchschritten, war der Clown beinahe schon vergessen.
„Er war doch noch so jung“, murmelte ein Mann im Anzug und starrte vor sich hin. „Was für eine verdammte Verschwendung, man könnte regelrecht...“ Er stockte, sah an sich herunter, schüttelte den Kopf. „Wißt ihr, daß ich als Kind zum Zirkus wollte? Hab sogar jonglieren gelernt. Aber...“ Er riß seinen Blick von der reglosen Gestalt am Boden los. „Irgendwann wird ja jeder erwachsen. Man kann nicht immer haben, was man will. Man muß Kompromisse eingehen“, sagte er beinah entschuldigend. „Du mußt verstehen. Du bist selbst schuld daran. Es tut mir ja auch leid. Vor allem ärgert es mich.“ Er wurde laut. „Was für eine verdammte, verdammte Verschwendung. Du...Idiot! Man muß flexibel sein im Leben. Sich anpassen. Glaubst du, uns macht das Spaß? Aber wir haben es trotzdem geschafft, also hättest auch du...du Schwächling!“

Er sah dem Clown in die Augen. „Steh auf. Bitte, steh auf“, flüsterte er. „Es war doch nicht so gemeint. Und du bist auch kein Schwächling, komm schon, alles ist halb so wild.“ Er streckte dem Clown die Hand hin, wie um ihm aufzuhelfen. Das Handy klingelte in seiner Jackentasche. Automatisch griff er danach und führte es ans Ohr, während er über den Clown hinwegstieg. „Gib mir 10 Minuten“, bellte er in sein Handy. „Bin schon auf dem Weg.“ Er eilte durch den Ausgang und verschwand in der Dunkelheit dahinter. Aus dem Off drang seine Stimme, sich rasch entfernend: “Träume sterben nun mal. Dafür wird man ja erwachsen! Wir müssen ja nicht gleich mitsterben. Oder? ODER??“


Der Clown lag in einem Kreis aus Licht, den ein einsamer Scheinwerfer auf ihn warf. Der Raum war leer, sie waren alle gegangen. Die Tür mit der Aufschrift „Ausgang“ fiel langsam und schwer ins Schloß. 
Dahinter war es ziemlich dunkel.

 
17. Juli 2004
(Musik. B-Movie. „Marilyn Dreams“, wieder und wieder...“Marilyn Dreams“ in der Endlosschleife...und plötzlich war er da, der weiße Clown, wie eine Erinnerung an...früher...nur früher war er, nunja, lebendiger.)