19.12.10

eisgekühlter kaugummi



ein bisschen sieht er ja wie ein sarg aus, der einzige kaugummiautomat, den man in meiner nachbarschaft finden kann. sie sind dermassen selten geworden, dass man von einer aussterbenden rasse sprechen könnte. ich unterstütze ihn, so gut ich kann. lasse mir steinharten kaugummi runter und ab und zu sogar eine der grösseren kugeln, und ich bin sein offizieller fan nummer eins und hofphotograph. ich liebe den kerl, genauso wie den uralten frisiersalon, der ein paar meter weit entfernt ist (bild siehe unten) und alle anderen gegenstände und gebäude, die mich ans österreich meiner grosseltern erinnern. waren die zeiten damals besser? fast hätte ich ja gesagt. fast.:)

4 comments :

Ich schreibe, also spinn ich said...

Was mir an dem Automaten besonders gefällt ist das er keine Kreditkarten, keine Geldkarten, ,kein Tausch, kein Pump, kein Nix akzeptiert, sondern außschließlich ein Stück echten metallischen Guthabens. Das alle diese an den Kassen dieser Welt den Klein- bis Kleinstsummen-Zahlungsverkehr mit ihrem guten Namen Aufhaltenden (Och, vorhin ging die Karte aber noch! Versteh ich nich. *dämlich dran rumrubbel* Probieren sie mal die ... *Karten-Gurt unter Mantel freilegt* Oder die. Oder die. Oder die ... *OO*) hier außen vorbleiben, das kein Amt, keine Institution, keine Regierung und keine offizielle oder verdeckt datensaugende Kommerzbaggage mitschneiden kann wann ich welche Kugel oder welchen Nippes gezogen habe, daraus Statistiken und Verknüpfungen bastelt und mir maßgeschneiderte Belästigungen ins Fell setzen kann.

Das meine genervte Fresse nicht bei jeder Nutzung gefilmt, gescannt, verglichen wird und für immer in irgendwelchen für mich unerreichbaren Schatten-Archiven verschwindet oder aufgrund eines klitzekleinen Hoppalas einer amoklaufenden Datenbank des großen Bruders mit den Daten irgendeines Sittenstrolches verknüpft wird, dass mich niemand fragt ob ich gerne mit Treuepunkten verarscht werden möchte, ob meine Wutanfälle immer noch so häufig kommen oder das, wenn das Dingen mal klemmt und ich fluche und davor trete, kein Aggressionsprofil erstellt und übers Netz an die Anti-Terrorverblödeten rund um den im virtuellen Raum zum Nullpunkt gewordenen Globus schickt.

Man muß diesen Automaten allein schon deshalb lieben weil man als selbstbestimmter Mensch kommen, einen Wert gegen einen anderen tauscht und als selbstbestimmter Mensch wieder gehen kann.

Nebenbei ist das Bild sehr toll! Die Aufteilung und Strukturen finde ich sehr spannend. Selbst die Bäumchen nebenan scheinen sich dem Kasten zuzuneigen als ständen sie in heimlichem Dialog. Alles wirkt unschuldig, aber irgendwie scheint das Bild etwas auszubrüten. Es flüstert und schaut einen an aber man weiß nicht wo die Augen sind. Davon ab assoziiere das Bild mit frisch gewaschener und hellblauer Bettwäsche bei offenem Fenster. Und dem Duft von Ariel. David L. könnte aus diesen paar Eckdaten sicher etwas sehr verwirrendes basteln. Etwas was mich in der hellblauen Bettwäsche dann nicht in den Schlaf kommen lassen würde ... :- )

Robinson Ouzo said...

Ja, es ist tatsächlich so! Der Automat shout einen an. Er ist wie ein Eingeborener, vorsichtig und nicht schlüssig ob der weiße Mann welcher ihm auf der Lichtung gegenübertritt gut oder böse ist. Das krakige Bäumchen nebenan dagegen gebärdet sich wie der alte Medizinmann seines Stammes. Er haßt den weißen Mann ohne wenn und aber. Eine Chance will er ihm gar nicht erst geben. Und so beeinflüstert er den Automaten-Eingeborenen aus Dutzend heiseren Mündern ununterbrochen. Man sieht regelrecht in welchem Widerstreit der Automat liegt. Er findet den weißen Mann interessant und würde gerne kommunizieren. Aber er ist auch dem Stamm, vertreten durch den ihn beschwatzenden Medizinmann verpflichtet.

automatic church said...

Er steht da und wirkt ein bißchen wie eine Kirche. Irgendwie möchte man sich ihm anvertrauen. Bei ihm beichten. Vieleicht ist dazu das große untere Fenster da. Wenn man daneben eine Münze eingeworfen hat geht man in die Knie. Dann spielt dort leise eine Melodie und es kommt ein Engel angefahren. Dann kann man alles flüstern oder denken was einen bedrückt und wenn die Zeit um ist, klappt der Engel eine Schatulle zu und nimmt darin alle Sünden mit in die dunklen Tiefen des Automaten, denn dort geht ein Loch in die Erde, eines welches bis zum flüssigen Erdkern reicht und da leert er die Schatulle dann hinein. Das bekommt man nicht zu sehen und man bekommt auch keine Bestätigung, keinen Wink, keinen Ausdruck, es erscheint keine Rauchwolke. Das weiß man einfach. Ebenso wie man weiß das der Engel Schichtdienst hat und das hinten aus dem Automaten eine Tür ins Gebüsch dahinter führt und sich die Engel zum Schichtwechsel dort mit Handschlag begrüßen. Aber ihnen auflauern oder sie gar photographieren, nein, das tut man nicht, das hat noch nicht ein böser Junge mal gedacht!

LilaCat said...

ja, genau! die idee mit dem misstraurischen, aber interessierten insulaner finde ich gut. aber es ist ein cleverer insulaner. er tauscht sein plastikzeugs gegen unser geld. ich glaube, er hat uns lang studiert und weiss genau, wie wir ticken. er weiss, wie gern wir tauschen und handel betreiben. wer weiss, was der kerl früher mal gemacht hat, bevor er kaufmann wurde. vielleicht gab es früher gar keine waren, sondern nur den engel vom unteren fenster. jetzt gibt es beides und es ist kein widerspruch, denn wie du sagst läuft der handel einigermassen fair ab, wenn man davon absieht, dass seine preise viel zu hoch sind und dass er uns plastikzeug und falsche ringe unterjubelt.

das ist jetzt übrigens mein neuer lieblingsausdruck geworden: "der engel vom unteren fenster"...