11.10.20

der puppenzauber

irgendjemand hatte dieses ding hier vergessen. es befand sich in der fensterhöhlung gleich hinter der letzten reihe und schien vor sich hinzubrüten.

man konnte es eine puppe nennen, wenn man dem ding wohlgesonnen war. nicht gerade eine puppe, mit der man spielen konnte, dachte sich die lehrerin und betrachtete das ding von allen seiten. vielleicht etwas, mit dem man einen raum dekorieren konnte, eine art skulptur, ja, das würde am besten hinkommen. eine skulptur. kunst war es wohl kaum, eher kunsthandwerk von der kruden sorte, vielleicht ein versuch eines der jugendlichen, mit denen sie sich täglich ärgern musste, sich künstlerisch auszudrücken, und was jugendlichen so durch den kopf ging, das wusste man ja. sich selbst kennenlernen, seine dunkle seite. jetzt lächelte sie spöttisch. wenn die erst mal im wahren leben draussen sind, vergeht ihnen der blödsinn von selbst. ihre klasse war voll mit kleinen selbstdarstellern und wichtigtuern, und von einem dieser kids dürfte die puppe stammen. was im kunstunterricht heutzutage auf dem stundenplan stand, war nicht zu fassen. sie nahm sich vor, ihren kollegen im lehrerzimmer darauf anzusprechen, am besten vor allen anwesenden, denn dass es so nicht mehr weitergehen konnte, war absolut klar. wir sind ja nicht hogwarts, dachte sie. man sollte die kids in ihrem egozentrierten wahnsinn nicht auch noch unterstützen. und was bringt es ihnen, sich selbst gefunden zu haben? sie verlieren sich sowieso wieder, wenn sie erwachsen sind. sie werden alles vergessen haben, wenn sie mal so alt waren wie sie selbst.


aber jemand sollte dieses ding entsorgen. schön war es nicht, im gegenteil, es war von beeindruckender hässlichkeit. puppen an sich waren ja niedlich und manchmal richtig dekorativ, aber das hier konnte man sich nur in einer dieser bizarren grufti-wohnungen vorstellen. schwarze wände, ein sarg anstatt eines richtigen betts und die regale voll mit diesem mist. einige von diesen gestalten hatte sie in ihrer klasse. sie stellte sich die jugendlichen der reihe nach vor, ihre gesichter, ihr verhalten. recht hässliche bande, alle miteinander. laut, frech, primitiv. die mädchen mehr unbekleidet als bekleidet, maskenhaft geschminkt und meistens ekelerregend riechend. entweder räucherstäbchen oder patchouli, und gegen beides hatte sie eine extreme aversion entwickelt. der erzeuger dieses wunderschönen machwerks wird wahrscheinlich in diesen kreisen zu finden sein, dachte sie. die anderen jugendlichen sahen nicht so aus, als würde sie etwas wie ..wie sagten die gruftis immer ...dark art ...interessieren. ganz kurz liess sie die gesichter ihrer schüler vor ihrem inneren auge vorbeiwandern. die computerfreaks aus der ersten reihe, der alternative mit den dreads, der meistens barfuss in den unterricht kam, seine goa-raver-freundin, die fashionistas, wie sie sich selbst nannten, das schüchterne mädchen mit den langen schwarzen haaren, das sich nicht mal getraute, jemandem ins gesicht zu sehen und das nirgends dazugehörte, das sportgenie, das bei irgendwelchen leichtathletik-landesmeisterschaften den ersten platz gemacht hatte und mehr trainierte als lernte, und, und und. im prinzip ganz nette leute. sogar der alternative und seine freundin waren erträglich und gaben sich mühe, sich einigermassen anzupassen.

sie sah die puppe kritisch an. eigentlich typisch für einen grufti, solche dinge herzustellen. passte genau zu ihnen. hässliche menschen mit hässlichen ideen. aber irgendwie doch interessant. neugierig schob sie das graue, verfilzte haar der puppe beiseite, um ihr gesicht freizulegen und zuckte angeekelt zurück. sie hatte mit hässlichkeit gerechnet, oder mit etwas laienhaftem, peinlichem, einer art hexe oder makabrer figur, aber das hier war einfach nur krank. die vorstellung, dass sich jemand mit solchen ideen in ihrem unterricht aufhielt, gefiel ihr nicht. sie sah das entstellte gesicht der puppe an, an dem nichts menschliches mehr war, und dachte zum ersten mal in ihrem leben daran, dass die hölle existierte. dieses ding da war der eindeutige beweis dafür. am schrecklichsten empfand sie die geblendeten augen der puppe, in denen nägel steckten. ja, nägel, richtige, rostige nägel, die jemand mit gewalt in die augenhöhlen gedrückt hatte.

eins war klar, dieses scheusal durfte nicht länger hier bleiben. sie nahm sich vor, es mit nach hause zu nehmen und später bei einer lehrerversammlung den kollegen zu zeigen. und mit dem kunstprofessor mal ein wörtchen zu reden. solche dinge durften nicht entstehen. nichts, was so krank war, durfte aus den köpfen entweichen, es musste darin verschlossen bleiben.

und noch eins war klar: der jemand, der dieses machwerk hergestellt hatte, würde mit konsequenzen rechnen müssen. die schule war immerhin katholisch, man legte wert auf eine gute, religiöse erziehung. dieser jemand, der anscheinend die regeln so gründlich missachtete, würde sich noch wundern. dass es jemand aus der schwarzen szene war, war ihr sowieso schon von vornherein klar. entweder man würde den schuldigen finden oder ganz einfach die ganze gruppe bestrafen. strenge zur rechten zeit bewahrt uns davor, dass später psychos bei uns amok laufen, dachte sie.

die lehrerin war sich sicher, das richtige zu tun. sie fühlte sich gleich viel besser, jetzt, wo sie zur tat schreiten konnte. mit spitzen fingern hob sie die puppe hoch und verstaute sie in der grossen tasche, die sie immer mithatte. es war eklig, die puppe darin zu wissen, aber sie konnte die tasche danach ja gründlich reinigen. ausserdem konnte sie sie hier nicht sitzen bleiben lassen. labile menschen könnten ein trauma davontragen, wenn sie mit etwas derartigem konfrontiert wurden. allein die augen mit den nägeln darin...scheusslich.

sie hängte sich die tasche auf die schulter, sah sich noch ein letztes mal zufrieden in der klasse um, und ging.

 

das mädchen sass an seinem schreibtisch in ihrem zimmer und blickte hinaus in den garten ihrer eltern. er war schön, so wie er gerade war, so ohne blumen. die bäume krallten ihre spitzen äste in den bleigrauen herbsthimmel und das licht schwand mit jeder minute. 

die puppe war an ihrem ziel angelangt und konnte nun mit ihrem werk beginnen. 

sie zog ihre mundwinkel zu einem leichten lächeln hoch, das ihre augen nicht erreichte. wie einfach es manchmal war. sie dachte über ihre lehrerin nach, eine der nutzlosesten personen der schule. unsensibel und ungebildet, ja schon erschreckend dumm. in ihren augen ein wahres monster. jeden tag musste sie sehen, wie sie wirklich war. es war sowieso für sie nicht leicht, menschen in die augen zu sehen, denn das, was aus den augen zurücksah, war erschreckend. scheusslich. maskierte monster, ein jeder von ihnen. darum hatte sie es sich angewöhnt, ihre blicke zu meiden. 

sie galt als schüchtern, was ihr auch ganz recht war. man liess sie mittlerweile in ruhe und sie liess die anderen in ruhe. noch jedenfalls. 

sie zuckte mit den schultern und lächelte wieder. 

die gruftis in ihrer klasse würden wahrscheinlich dark art dazu sagen.