1.5.14
es ist lange her, seit ich das bedürfnis verspürt habe, etwas aufzuschreiben. das heisst nicht, dass ich nicht ständig etwas aufgeschrieben hätte. ich hatte ja immer jemand anderem etwas zu erzählen. geschichten, die ich für andere geschrieben habe, blogs, die ich geführt habe, damit sie andere lesen, texte, die nur deswegen entstanden sind, damit ich von anderen bemerkt oder gemocht werde. das schreiben war aber immer das wichtigste für mich, schon als ich ein kind war. nur damals habe ich geschichten geschrieben, die nur mir gehörten, und diese geschichten, die ich mir selbst erzählt habe (und einer kleinen auswahl von teddybären und puppen), waren immer die besten und manchmal auch heilsamsten. erst später, wenn man von der schule "den ersten schliff" bekommen hat, ist man der überzeugung, dass man sich selbst darstellen muss. und dass diese harmlosen texte, die geschichten, dieses kindervergnügen, das spielerisch und unangestrengt war, "etwas bringen muss". dass man damit leute erreicht, eventuell geld verdient, denn man kann ja etwas, man hat was drauf, man könnte besser werden, man muss an sich arbeiten, feilen, das talent weiterentwickeln. die freude am schreiben war bald vorbei. damit müssen wir erwachsenen wohl klarkommen. kindliche freude wird uns nicht gestattet. was würde sie uns auch bringen?

ich weiss, was sie uns bringen würde. seelenfrieden zum beispiel. unprätentiöses verhalten. es gäbe viele günde, sich die unschuldige freude eines kindes zu erhalten. wenn man nur könnte. im extremfall könnte man sich den psychiater ersparen. wenn man nur im richtigen augenblick das tun würde, was man als kind getan hat. sich zurückziehen, in seinem zimmer einschliessen und einen text schreiben, der einem selbst gehört, der nicht aus dem grund geschrieben wurde, anderen zu gefallen. diese texte entfalten wunderkräfte in der seele. sie können heilen. ich wusste immer, wenn ich einmal nicht mehr schreiben kann oder mag, dann stimmt mit mir etwas grundlegendes nicht mehr. und dieser grund muss schwerwiegend sein. so kam es dann auch. alles ist ab einem bestimmten zeitpunkt in meinem leben falsch gelaufen. es klingt jetzt gerade so, als würde ich über meine alkoholexzesse schreiben oder ähnliches. ich bin lila und ich bin eine trinkerin. nicht wirklich, aber es gibt gewisse ähnlichkeiten. ich habe so ungefähr mit 16 jahren zu rauchen begonnen. irgendwann dann habe ich, um den genuss zu erhöhen, das rauchen mit dem schreiben verknüpft. eines ohne das andere war undenkbar geworden. es gab keinen text ohne zigarettengequalm. ich konnte auch nicht mehr richtig schreiben ohne rauchen. wollte es mir auch gar nicht vorstellen, wie es sein muss, so ohne zigarette. die tatsache, dass ich jahrelang davor schon geschrieben hatte, ohne dieses kleine giftige hilfsmittel, war mir irgendwie entfallen. rauchen und schreiben, das war das beste auf der welt. und kaffeetrinken natürlich. ohne kaffee geht gar nichts, das ist bei mir immer noch so. nur das rauchen habe ich inzwischen aufgegeben.

jeder, der raucht, weiss, dass man, wenn man sein laster aufgibt, meistens auch die damit verknüpften handlungen aufgibt, zumindest eine zeitlang. oder für immer, je nachdem, wie schlimm der drang dann wieder wird, sich eine anzuzünden, wenn man die einst verknüpften handlungen ohne die verknüpfung ausführen will. es funktionierte also im grunde gar nicht mehr. mein gehirn wollte das schreiben nicht mehr gestatten, ohne eine zigarette dafür als belohnung zu erhalten.
ich habe damals wirklich unmengen geraucht. es gab texte, bei denen ich eine ganze schachtel weggeraucht habe. diese texte sind wirklich ganz gut geworden, das finde ich heute noch. nur einige davon wirken überschwänglich, bombastisch, eben "auf droge". wenn die inspiration fehlte, erhöhte ich einfach die dosis. es war so, als wäre die muse in tabakform zu mir herabgeschwebt und hätte mir einen stinkenden kuss verpasst. ich schrieb kurzgeschichten, gedichte, rezensionen. alles fiel mir leicht, alles war irgendwie unangenehm überschwänglich. es schien so, als gäbe es nur übertreibungen. nicht nur beim schreiben. meine gefühle waren verrückt, es gab nur noch extreme, egal, was ich machte. ich dachte mir, dass meine persönlichkeit eben so wäre, aber das war es nicht. ich war völlig vergiftet und alles, was ich tat, strömte dieses gift aus. kein gutes leben. so etwas kann natürlich nur in einer katastrophe enden.

die alarmsignale meines körpers missachtete ich beständig, denn in meiner grenzenlosen naivität dachte ich, mir könnte ja nichts passieren. dass überall auf der welt menschen an meinem bevorzugten gift sterben, konnte ich bestens ignorieren. mir passiert schon nichts. warum auch immer. krebs habe ich gott sei dank nicht bekommen und ich hoffe, das bleibt auch in den nächsten jahren so. jetzt lungenkrebs zu bekommen wäre der schlimmste hohn. ich habe nämlich einiges durchgemacht, um von dem gift wegzukommen. und krebs wäre jetzt einfach nur gemein.
wahrscheinlich wäre es auch kein lungenkrebs geworden, sondern ein krebs im rachenbereich. ich glaube, es wäre ein kehlkopfkrebs geworden. denn genau vom kehlkopf gingen damals diese alarmsignale aus, die ich nicht wahrnehmen wollte. kehlkopfentzündung, erst einmal, dann chronisch. jedes jahr  um dieselbe zeit, immer in den heissen monaten des jahres, immer mit fieber verbunden. das gefühl, mitten in der nacht aufzuwachen und todesangst zu haben wünsche ich niemandem. das gefühl, zu früh sterben zu müssen. du wachst auf, hast fieber und gleichzeitig schüttelt es dich vor kälte. und das schlimmste ist, dass dein nachtgewand von deinem eigenen kalten schweiss getränkt ist. es ist eklig und fies und es macht extrem angst. aber wenn du stunden später ins büro gehst, hast du es schon wieder vergessen. du gehst in der vormittagspause mit den kollegen eine rauchen, als wäre nichts passiert. eine erfrischende, kleine zigarette, auf die noch viele folgen werden, denn der tag ist lang, und die nacht weit weg. aber du wachst wieder auf, mitten in der nacht, und diesmal ist es so, als würde etwas schweres auf deiner brust hocken und dein herz schlägt schrecklich laut, dass du es richtig hören kannst, dann setzt es zwischendurch ganz aus, fängt nach einiger zeit wieder zu schlagen an. gottseidank. aber ein gesundes herz fühlt sich anders an.
man macht ein paar jahre noch so weiter, aber irgendwann dringen die schrillen alarmsirenen des körpers langsam ins bewusstsein vor, und man kann sie nicht mehr wegdrängen wie früher. wenn man dann wirklich endgültig genug hat (und wenn eventuell einige leute aus dem eigenen umfeld am tabakkonsum sterben), wird man einfach aufhören, zu rauchen. keine todesangst mehr, kein aufwachen und im eigenen kalten schweiss liegen, keine hustenanfälle (ich konnte am ende keinen satz mehr sagen ohne husten), kein zusammenzucken, wenn man in der zeitung von den millionen lungenkrebstoten liest. so viele vorteile.

kein schreiben mehr.
der nachteil schlechthin. nur frage ich mich gerade, ob es wirklich so ist. was habe ich denn geschrieben? texte, die mir aufgrund ihrer überschwänglichkeit und bombastik peinlich sind. texte für freunde und bekannte, die sie meistens eh nicht gelesen hatten oder es nur gemacht hatten, weil es von ihnen erwartet wurde. texte für ein webzine, das ich trotz burnout und krankheit immer weiter betrieben habe, bis ich es eigentlich gehasst habe.
und die bloggerei.:)  bringt das überhaupt noch was oder denke ich gerade wie ein erwachsener, der "seine lektion glernt hat"?  ich denke schon, dass es etwas bringt. vor allem, weil ich ab jetzt nur noch für mich selbst schreibe. ich schreibe ohne zigaretten (kaffee darf schon sein, aber das war's dann auch mit den nervengiften), ich schreib für mich und niemals für jemanden anderen. nicht für geld, nicht um gemocht oder akzeptiert zu werden, nicht, weil ich mit leuten irgendetwas gemeinsames teilen möchte, das im bereich des idealismus liegt und im prinzip völlig irre ist. das ist mein zimmer, in das ich mich zurückziehe, wenn ich etwas schreiben möchte. wenn mir danach ist, werde ich die tür zusperren. aber momentan möchte ich es nicht. ich kann bei offener tür schreiben. der lärm draussen ist nicht mehr schlimm. es ist sogar recht leise und angenehm geworden. genauso wie ich es brauche.

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