ich wollte schon seit einiger zeit updaten, was bei mir so läuft bzw. passiert ist, seit ich über moms unfall geschrieben habe. ich hatte nur zu wenig energie und durfte nicht viel nachdenken. hab andere dinge gemacht, wie schlafen oder youtube gucken, nicht gerade berauschend, ich weiss.
ich weiss nicht genau, wie ich alles unterbringen kann, ich werde wahrscheinlich viel weglassen, denn es ist extrem viel passiert und ich kann mich nicht mehr an alles erinnern. und ich hab diesen blogeintrag ehrlich gesagt aufgeschoben, denn angenehm ist der nicht gerade.
meine mom wurde körperlich immer fitter. mentalitätsmässig war sie aber immer noch auf dem niveau einer vierjährigen. sie hat wegen jedem blödsinn geweint, was untertrieben ist, weinen war das nicht mehr. eine art langgezogenes heulen, das stunden andauern konnte. sie hat nicht mehr gut gehört, war aber dagegen, zum ohrenarzt gebracht zu werden. das eigentliche problem daran war, dass sie meistens alles falsch verstanden hat, was wir gesagt haben, was sie wieder zu ihren dauerheulorgien gebracht hat. sie ist dann auch meistens in ihr zimmer gegangen, hat sich aufs sofa gesetzt und hat düster aus dem fenster gestarrt. mich stört einfach immer, dass sie so negativ ist, aber ich kann kaum was dagegen machen. das ist wohl in einem drin und in solchen situationen kommt es verstärkt zum vorschein. es hätte so geholfen, wenn sie positiv drauf gewesen wäre. ich war dafür schon fast künstlich positv, so richtig übertrieben. manchmal hat sie sich mitreissen lassen und ihr selbstmitleid für kurze zeit weggelassen. den leibstuhl brauchte sie dann mal nicht mehr, gottseidank. und sie ist sehr viel gegangen, was natürlich wieder ein problem war, denn sie verweigerte rollator und stock und sagte immer, dass sie genauso gehen könnte wie früher. nope. das konnte sie nicht, aber brutale stürze wie damals gab es keine mehr, nur starke schwindelanfälle. sie verweigerte oft ihre tabs und ich konnte sie kaum zwingen, sie zu nehmen, aber einige waren darunter, die schon sehr hilfreich gewesen wären. ein kleiner stimmungsaufheller war z.b. dabei, den hätte sie schon dringend gebraucht.
meine ma war also auf dem weg der besserung, sehr langsam, aber doch. aber dann ging der horror erneut los. diesmal wurde mein vater krank. er war schon vorher krank, war starker asthmatiker (ohne rauchen, schuld waren die gräserallergien, die die lunge geschädigt haben), er hatte auch seit langem diabetes und er hatte vorhofflimmern und musste einen herzschrittmacher tragen. also kam schon einiges zusammen. starke tabletten musste er auch immer nehmen, vor allem wegen dem vorhofflimmern. er hatte prostatakrebs, aber er war über 80 und es hiess, dass dieser krebs in seinem alter nicht mehr schädlich ist. wir wussten schon länger, dass er krebs hat, aber so ein richtiges problem war es nicht. aber ich glaube, dass der krebs jede menge energie klaut.
wenn man langjähriger diabetiker ist, kommt es zu nervenschädigungen, vor allem im rücken und in den fusssohlen. es tut anscheinend sagenhaft weh. an einen ruhigen schlaf ist nicht zu denken, denn kaum legt man sich hin, werden die schmerzen so richtig stark. mein vater ist in der nacht meistens im haus herumgegangen, oder er hat sich in die küche gesetzt und ist ab und zu im sitzen eingeschlafen. meine mutter hat weiterhin niemand anderen an sich rangelassen, der sie pflegen könnte. mich nicht, das rote kreuz nicht. sie hat darauf bestanden, hysterisch wohlgemerkt, mit heulen und zittern und ihrer ganzen negativität, dass mein vater sie weiterhin pflegen muss. nur war er schon sehr schwach. und er war ununterbrochen beim arzt. jede woche. er hatte probleme mit der blase, schuld war wieder diabetes, denn diabetes kann zu chronischer blasenentzündung führen. mein vater musste starke antibiotika nehmen, immer wieder andere, weil die alten schnell nicht mehr wirkten. mit einem mal ging gar nichts mehr. die antibiotika wurden oft gewechselt, aber im prinzip passierte überhaupt gar nichts. die blasenentzündung war immer noch vorhanden wie vorhin. also wurden proben genommen und an ein universitätsinstitut geschickt, damit eine analyse gemacht wurde. die katastrophe war dann perfekt, als das ergebnis der analyse vorlag, nämlich verdacht auf blasenkrebs. für eine genau diagnose musste aber noch eine biopsie gemacht werden. meinem vater ging es aber immer schlechter, er wurde beinah jeden tag schwächer und dünner. konnte nicht schlafen und konnte auch kaum mehr was essen, denn die verdauung funktionierte nicht mehr wirklich. und dann wurde mein vater zum pflegefall.
ich war für eine 24 stunden-pflege, aber beide eltern waren strikt dagegen. ich konnte mir auch nicht gut vorstellen, dass ein fremder mensch (egal ob ausländer oder österreicher) bei uns lebt, aber man kann nichts machen, manchmal muss man einfach da durch, ob man will oder nicht. ging aber nicht. wenn man dann seinen willen durchsetzen möchte und beide elternteile wollen nicht, muss man die beiden entmündigen und das wollte wieder ich nicht. inzwischen machte mir der hausarzt megadruck. bzw. der alte hausarzt, der vater des neuen. der alte hilft immer noch mit, obwohl er schon in pension ist. alter freund meines vaters. naja. ich hatte keine gute gesprächsbasis mit ihm, ihm fehlte ein grundlegender respekt. er hat ununterbrochen bei mir am handy angerufen und mich zur sau gemacht, hat auch mit mir geschrien, dass ich mich endlich "durchsetzen soll", damit die 24-stunden-pflege zu uns ins haus kommt. das letzte telefonat mit ihm ever habe ich dann beendet, mitten im satz, während er geredet hat. ich hab nicht geschrien, nicht diskutiert, sondern einfach aufgelegt. und ich hab seine nummer gesperrt.
ich hab es ehrlich versucht mit der 24-stunden-pflege. so oft. ich habe vor allem mit meiner mutter ein riesenproblem gehabt. sie wollte dann nicht mehr im haus leben, wollte melodramatisch umziehen, in eine pension oder bei alten freunden unterkriechen (die es wahrscheinlich gar nicht mehr gibt, die freunde). ausserdem hat sie versucht, mich rauszuschmeissen. was natürlich nicht funktioniert hat. aber ehrlich, ich wollte gehen. hab auch schon einiges nach hause mitgenommen, fast schon wie ein kleiner umzug. aber mein vater hat mir zu leid getan. sie nicht. sie hat schon zu viel schlimmes zu mir gesagt, da war inzwischen alles tot in mir. ich habe aber pfleger vom roten kreuz organisiert, die ein mal pro tag bei den eltern waren. sie haben meinen vater gewaschen, umgezogen und auch sonst immer geschaut, ob alles ok ist. so konnte ich auch ab und zu bei mir zu hause sein, denn ich wusste, dass ich sofort verständigt werden würde, wenn etwas passiert wäre. meine mutter hat die pfleger dermassen sabotiert. vor allem die einkaufshilfe, die ich für sie organisiert habe, auch die putzhilfe. sie hat sie quasi rausgeekelt. der mobile hospizdienst war einmal bei meinem vater, wollte sich bei ihm vorstellen. ihm erklären, wie es in der zukunft sein würde, denn es würden starke schmerzen kommen, er müsste dann von ihnen versorgt werden, wahrscheinlich mit opiaten oder ähnlichem. meine mutter hat die leute beinhart rausgeschmissen. ich weiss nicht, wie sie es geschafft hat, aber sie kann dermassen unangenehm sein, also tja. das war es mit dem mobilen hospizteam. die leute sind superspeedig weggewesen. ich hab dann bei ihnen angerufen und mich entschuldigt, ich sagte, ich würde ihre arbeit so sehr schätzen und ich habe einfach dann keine angst mehr, wenn sie in der nähe sind und jederzeit helfen können und die dame am telefon hat fast geweint, ihre stimme hat gezittert. sie sagte, ein wort von mir und sie stehen sofort vor der tür, egal, was meine mutter noch so macht. die pfleger vom roten kreuz haben mir erzählt, dass sie altersheimerfahrung haben und mit alzheimerpatienten arbeiten, aber dass sie an meiner mutter scheitern. so sieht das aus. sehr sehr mies. meine mutter hat sich eingebildet, meinen vater unbedingt pflegen zu müssen, sie wollte niemanden an ihn ranlassen (die story kommt mir langsam bekannt vor) und mein vater hatte angst vor ihr. und ich wollte noch immer keinen menschen entmündigen.
mein vater wurde seltsam. richtig seltsam. was mich nicht wunderte, so wie die situation bei uns zu hause war. da wirst du irgendwann mal richtig irre. er war immer wieder im krankenhaus, einmal hab ich ihn auch eingewiesen, denn er hat nichts mehr gegessen oder getrunken, er hat jeden kleinen bissen wieder ausgespuckt und er wurde immer dünner. ich hab das essen für ihn pürrieren lassen, die leute von essen auf räder machten das sehr kreativ, sie haben die verschiedenen pürrees in formen gepresst, ich glaub, sie verwenden so eine art keksformen, nur waren es die umrisse von diversen lebensmitteln. was eigentlich fast schon hübsch war. nur hat es leider nicht geholfen. also musste er ins krankenhaus. ich hoffte natürlich, dass sie meinen vater endlich auf parenteral umstellen, aber die ansagen von den ärzten waren einfach nur grotesk. "es ist so schade, er könnte ja essen, ihr müsst ihn einfach nur motivieren". guter mann. was meinst du, was wir gemacht haben. wir haben alles gemacht und nichts hat geholfen und von euch hört man nur wohlmeinende platitüden und ich hab dermassen die schnauze voll. dann der anruf eines primararztes bei mir. der kerl hat von anfang an einen ton am leib gehabt, das glaubst du nicht. mein vater braucht einen heimplatz, er hat im krankenhaus viel erzählt, wie furchtbar die zustände bei uns sind und ich muss sofort einen heimplatz für ihn finden. in 2 wochen muss der da sein, der heimplatz! du weisst inzwischen nicht mehr, ob du lachen oder heulen sollst. heimplätze in der steiermark sind auf jahre ausgebucht, auch die für kurzzeitpflege. du kriegst einfach gar nichts. und in 2 wochen?? was zur hölle schmeissen die leute ein? dann meinte er noch, mein vater hätte einen delir und würde viel wahnsinniges erzählen. ok, das stimmte, aber warum glaubt er einem menschen mit delir eigentlich? delirpatienten halluzinieren oft, als hätten sie lsd eingeschmissen.
mein dad erzählte ihnen, dass wir einen messie-haushalt haben und dass die hygienischen zustände unter aller sau sind. er hat die sache mit dem messie-haushalt mir auch schon mal erzählt. er meinte, er könnte niemanden mehr hereinbitten, denn es wäre dermassen unordentlich bei uns. ich fragte ihn dann, was genau er meinte, und er sagte nur "hinter dem sofa". mhm. hinter dem sofa waren 4 kartons. moms sachen waren drin, denn meine mutter ist vom ersten stock ins erdgeschoss gezogen und wir hatten noch nicht die zeit und musse, diese sachen in den kästen zu verteilen. also die 4 kartons. mein vater war sauer, weil meine mutter die putzhilfe rausgeekelt hat, also kam die ansage mit den hygienischen zuständen. den nachbarn hat er erzählt, dass bei uns der staub meterhoch liegt. gut, da musste ich grinsen. das wär mal was. und er hat vom krankenhaus unsere nachbarn angerufen und gesagt, wenn er wieder heim geschickt wird, wird er sich erschiessen. daraufhin bekam ich einen anruf von meinen nachbarn, ob wir schusswaffen im haus hätten. weil mein vater angeblich seinen suizid angekündigt hätte und eventuell auch meine ma mitnehmen würde in den tod. gut, nach dem ersten schreck fand ich auch das einigermassen witzig. wenn einen was richtig ankotzt, sagt man doch ab und zu "lieber erschiess ich mich", und das war es dann auch. aber der volle alarm bei den nachbarn. wir hatten inzwischen nen ruf wie ein donnerhall.
da mein vater nicht ewig im krankenhaus bleiben konnte und ich innerhalb von ein paar tagen immer noch keinen heimplatz für ihn hatte, musste er wieder retour nach hause, wo er immer mehr verrückte dinge tat und sagte. wenn ich ihn getroffen habe, wollte er mir immer sehr unheimliche dinge mitteilen, richtig apokalyptische dinge. dass meine mutter und ich elend zugrundegehen würden. dass ich meinen job verlieren würde. dass wir am bettelstab landen würden. solche dinge, die wirklich angst machten. ich hab dann versucht, ihn eher zu meiden, ich hatte ganz einfach angst vor ihm. ich war meistens in meinem zimmer im ersten stock oder überhaupt im obergeschoss und hab einfach aufgepasst, dass keine katastrophen passieren. manchmal waren die kühl- und tiefkühlschränke über nacht ausgeschaltet und alles war am morgen aufgetaut. ich nehme an, mein vater wollte geld sparen. gestürzt ist keiner mehr. unser schlimmstes problem war die ernährung meines vaters. er sah aus wie ein skelett. es hagelte wohlmeinende ratschläge wie immer, aber das war es auch schon. er war dann noch einmal im krankenhaus, diesmal gottseidank in schladming, wo es ein bisschen netter war und wo man versucht hat, seine verdauung in ordnung zu bringen. ich habe oft mit den schwestern telefoniert, sie waren sehr kompetent und niemand ist aus der rolle gefallen. sie meinten, ja, er würde schon seltsam reden, aber das wäre normal, das kennt man von alten patienten ohnehin. da mein vater einige anzeichen von wundliegen hatte (wurde mir erst vom krankenhaus schladming mitgeteilt, sonst hat niemand etwas gesagt...) habe ich ein pflegebett von der fima lorenz geleast, mit einer wechseldruckmatraze, die den rücken wiederherstellen und weitere rückenverletzungen verhindern sollte.
mein vater kam dann wieder nach hause, war eine nacht daheim, wachte in der nacht auf, weil alles voller blut war, das schlafgewand und bettzeug angesaugt mit blut. zog das schlafgewand aus und legte sich vors bett auf den boden, wo meine mutter ihn fand. gar nicht gut. wieder retour ins lkh, ich fand dann raus, dass lixiana daran schuld war, ein starker blutverdünner, den er wegen vorhofflimmern nehmen musste. eine häufige nebenwirkung von lixiana ist magen-darmblutung, die lebensgefährlich sein kann. mein vater brauchte blutkonserven. er hat sich wieder einigermassen erholt, man wollte ihn nach hause schicken, das pflegebett wartete schon auf ihn. und dann kam corona.
mitten in der nacht bekam ich einen anruf vom krankenhaus rottenmann. mein vater hätte sich im krankenhaus mit covid angesteckt. ich wusste gleich, ok, das war's. er war ja starker asthmatiker und während der epidemie haben wir ihn immer von menschen ferngehalten, damit er sich nur nicht ansteckt, denn er könnte es kaum überleben. er bekam sauerstoff, aber er hat sich die maske immer wieder runtergezogen, sie störte ihn wohl sehr. er hatte atemaussetzer, die immer länger dauerten und immer häufiger wurden. und zwischendurch atmete er sehr friedlich. und er ist dann für immer eingeschlafen.
mein problem war: wie erkläre ich es meiner mutter? ich habe ihr zwar gesagt, dass mein vater covid hat, aber sie dachte immer, er würde es schaffen. und ihr mentaler zustand war katastrophal, wirklich wie bei einem kleinkind. ich weiss nicht, wie ich es geschafft habe, aber irgendwie ging es. vielleicht war sie auch erleichtert, dass mein vater nicht mehr seine unheimlichen dinge sagte und tat. aber vor allem vermisste sie ihn natürlich. und ich begann zu schuften. nicht denken, nur tun. ich sagte mal zu meiner freundin andrea, dass ich so taub wäre innen drin. dass ich wie ein roboter bin. sie sagte, dass es gut ist so. "du funktionierst", sagte sie. und so ging es dahin, über viele monate. es gibt noch immer viel zu tun, ich weiss aber, dass ich das kann, obwohl es recht schwer ist.
und meine besten freunde sind der wahnsinn. ohne alex, andrea und manfred wäre ich ein sehr armer, einsamer mensch gewesen. ich bin so dankbar und happy, dass ich sie in meinem leben habe. sie haben diese schwere zeit für mich leichter gemacht und das vergesse ich nie.
