10.11.19

normalerweise gewinne ich selten bis nie etwas. und das ist auch gut so, wenn man bedenkt, dass ich als kind eine bratpfanne aus gusseisen gewonnen habe - der tag war im eimer. wir waren damals im supermarkt einkaufen, meine mutter hatte beiden hände voll mit einkaufssackerln und wir waren nicht mit dem auto unterwegs, also musste ich die bratpfanne, die wir bei der post abgeholt abgeholt haben, nach hause schleppen. ein riesending und ich war recht klein. ich habe sie am stiel nachgezogen und den ganzen weg nach hause geheult.
wir sind aber trotzdem noch freunde geworden, die bratpfanne und ich. sie wohnt noch immer bei mir, fabriziert die besten eierspeisen und ist auch sonst ein sehr beliebtes mitglied meines haushalts.
einmal habe ich damals als kind noch gewonnen, nämlich einen enten-sticker. ich wollte einen faserschmeichler. das gewinnspiel war von ergee und einer waschmittelfirma gemeinsam, glaube ich. man bekam einen rosaroten oder violetten faserschmeichler - eine barbapapaförmige kreatur aus der fernsehwerbung
wir sind die faserschmeichler
die kleinen faserschmeichler
wir schmeicheln und schmeicheln und schmiegen uns an
und an der wäsche spüren sie's dann
ich höre es gerade wieder mal im kopf. der song ist nicht wirklich supergenial, aber er ist dermassen eingängig, dass man ihn lange nicht mehr los wird. es sei denn, man schmeisst industrial drüber, urlaut im kopfhörer, oder noise. dann wird der lustige ohrwurm gleich mal aus der spur gekloppt und dann ist wieder ruhe im kopf, es sei denn, man hat gerade einen industrialsong gehört, der unheimlich eingängig ist … oder noise. wie man das dann wieder wegkriegt, weiss ich nicht. denke, das bleibt dann. oO manche leute rennen eh so rum, als hätten sie sowas im hirn. no offense lol

wir waren bei den faserschmeichlern - ich mochte sie als kind schon fast zu gern. es war eine art stille anbetung. meine lieblingswerbung. ging wahrscheinlich allen erwachsenen tierisch auf den geist, aber ich war winzigklein und DER faserschmeichlerfan. für jemanden wie mich ist ein gewinnspiel natürlich der weg ins paradies. wenn man noch dazu klein und naiv ist und nicht weiss, wie die welt funktioniert, wird das ganze dann eine spur gemein. ich hätte einen gewinnen  MÜSSEN. für mich war es sonnenklar, dass ich mit ihm durch's leben gehen würde, durch dick und dünn, alles miteinander teilen, etc. doch das kalte, kalte universum war gegen mich. bzw. gegen uns. und verpasste mir den enten-sticker. es war der trostpreis. man konnte einiges abstauben bei diesem gewinnspiel. ich denke, es waren auch ergee-socken dabei. wie eine art pyramide kann man sich das vorstellen - ganz oben war der faserschmeichler und einigermassen weit unten der enten-sticker. obwohl er ein 3-D-sticker war, dick und irgendwie super. ich mochte ihn und klebte ihn gleich auf meine kinderzimmertür, und ich bemühte mich um haltung und positives denken - wenn ich mich nicht dermassen zusammengerissen hätte, hätte ich wochenlang nur noch geheult.

lange zeit später. ich war damals schon in graz, ein grufti, und gerade auf einer party und lernte diesen menschen namens manfred kennen, auch sehr gruftig, sehr korrekter mensch, kann man nix sagen. wir kannten uns noch nicht lange und wie es so ist, waren die partygespräche dementsprechend. erstes kennenlernen - WAS MOCHTEST DU ALS KIND AM LIEBSTEN?
 ich legte los von wegen faserschmeichler (begleitet von imaginärer lieblicher geigen und harfenmusik) und berichtete natürlich auch vom enten-sticker und wie betrogen ich mich immer gefühlt habe. und dass ich natürlich schon dankbar wäre, aber … (glaube, die bratpfanne hab ich auch ganz kurz erwähnt) und er sagte … ER SAGTE ...
ja, der faserschmeichler. er hat ihn damals gewonnen, einen violetten. sein bruder und er, genau genommen. es gab einen streit um den faserschmeichler. beide wollten ihn haben. einer griff sich die arme, der andere die beine. der faserschmeichler wurde auseinandergerissen.
zuerst sass ich einfach nur so da und liess diese info auf mich einwirken.
manfred erzählte weiter und lachte und trank sein getränk und war sich nicht bewusst, dass neben ihm gerade jemand wahnsinnig wurde
man sollte so etwas nicht tun, aber ich hab ihn unter den tisch getreten. also nicht sein bein getreten, sondern er ist dann unter dem tisch gelegen. man kann es aber verstehen, warum ich das gemacht habe, oder? er hat damals wirklich gar nichts geahnt und ich hab ihn aus dem hinterhalt quasi angegriffen und das nächste, was er gemerkt hat, war dass er am boden liegt und dass ihn jemand tritt, den er kaum kennt.
trotzdem die besten freunde geworden. aber irgendwann ist er wieder fällig.

wieder einige zeit später. jetzt-zeit. vor ein paar tagen auf instagram. wenn es dort ein halloween-giveaway gibt...oder eventuell ein doll-giveaway… oder eine kombination von beidem, wie in diesem fall, dann mach ich mit!! also wenn ich diesem menschen vertraue natürlich, ich muss ja dann meine adresse rausrücken. es gibt ein paar mädels auf instagram, denen ich vertraue und sie gehört dazu, also war es klar, dass ich mitmache, denn sie hatte ein verdammt gutes paket zusammengestellt - eine living dead doll (fidji mermaid), eine monster high doll (viperine gorgon), ein stephen king roman (misery), eine rocky horror picture show figur (columbia), und zwei horror-sammelfiguren (ein geist und eine the ring-figur). und candy. es war also klar, dass ich mitmache. ich dachte mir nur, dass ich dermassen chancenlos bin. wenn man meine vorgeschichte kennt, weiss man, warum.
was ich nur nicht gecheckt habe, ist, warum sie die dolls hergeben wollte - die beiden waren immer wieder in ihrem instagram-feed zu sehen und sie hatte ihnen sogar outfits genäht, also sie mochte sie anscheinend wirklich gern. ich habe sicher gehofft, dass sie bei mir landen, vor allem, weil sie hier wirklich willkommen sind, es ist ein zuhause für sie.

und genauso dürfte sie gedacht haben, denn in der halloween-nacht hat sie mich auf instagram verständigt … und ich habe tatsächlich etwas gewonnen, etwas das wirklich genial ist und das ich total wollte - und ja, das paket ist sicher und gut hier gelandet, die dolls sind schon eingezogen, und ich war mit viperine, die nix zum anziehen hat, schon auf etsy und wir haben zwei wunderschöne handgenähte kleider für sie ausgesucht. ich glaube, wir werden auch fotos posten, wenn die kleider hier sind. einbildung oder nicht, keine ahnung, aber die mädels wirkten sehr traurig. wie eine kleine graue wolke, die ihre gesichter einhüllte und ihre farben ausgewaschen hat. seltsam. war wahrscheinlich eine art sechste-sinn-sache - sowas habe ich manchmal. das ist wie ein zusätzliches sinnesorgan, das ich selten verwende. als ich sie aus dem paket nahm, dachte ich, oh mann, die farben sind so stumpf und fast gar nicht vorhanden, die gesichter sind verblichen. nach kurzer zeit war dieser graue wolkenartige schleier, der über ihren gesichtern lag, weg. die mädels werden es gut bei mir haben. und ich gut bei ihnen. ist immer so ne sache. manches will nicht bei dir bleiben und du musst es gehen lassen, aber ich habe glück mit ihnen. auch wieder dieser sechste sinn. ich denke, man sollte unbedingt darauf hören. der faserschmeichler hätte auch gut zu uns gepasst, übrigens....

5.11.19

der vorfall

in der stillen nacht liegen sie aufgebahrt wie leichen
die mienen starr, die mundwinkel verzogen zum ewigen lächeln von puppen
sie träumen den pflichten des nächsten tages entgegen
in ihren träumen betreten sie korridore, grossraumbüros und tiefgaragen
künstliches licht färbt ihre träume und tage grellweiss und kalt
es gab einmal einen vorfall vor jahren
niemand spricht gern davon.
da sah einer in seinem traum ein zeichen an der wand einer tiefgarage
gleich hinter seinem dienstwagen
bevor er sich vom dach eines hochhauses stürzte
schrieb er ein gedicht
 

3.11.19

seit sie weg sind

seit sie weg sind
aus dem ältesten, verrufensten viertel der stadt
schlafen wieder alle besser und träumen vom nächsten arbeitstag
es herrscht wieder recht und ordnung und verunsichert ist keiner mehr
wundersames war nie so gern gesehen in dieser stadt
in der jeder von jedem alles weiss...es ist nicht viel...
lebensläufe, die einander gleichen wie ein ei dem anderen
seit sie weg sind, herrscht gleichklang und alle marschieren in der reihe mit
keiner, der seither aus der reihe tanzte und herzen verblendete mit
falschen versprechungen, und gerede von sehnsucht und glück
keine gedicht, das herzen zerspringen lassen vermochte
kein lied, das traurig war und schön,
die bücher schon längst auf scheiterhaufen verbrannt
und keiner, der halt schrie und weinte,
mit blossen händen ins feuer griff um zu retten,
was nur, ja was?
seitdem sie weg sind
die aufwiegler
subversives pack
ist alles wieder gut
und menschen erfüllen ihre pflicht
zu mehr waren sie nie zu gebrauchen spricht der oberste herr der stadt
und schmückt seinen hitlerschrein täglich mit frischen blumen

1.11.19

schiller | ruhe


manche videos verändern ihren look drastisch und wenn dann noch knallgelbe akzente dazukommen, kann man das ganze nicht mehr sehen - verlinken werde ich es aber noch, weil ich den song gern habe.

14.10.19

es gibt dinge, die universell bekannt sein dürften. vielleicht sind sie grundprinzipien des universums - jeder sollte sie kennen und wie grundregeln befolgen, aber gerade wir menschen vergessen ununterbrochen, was wichtig ist und was wir zum überleben brauchen. zu diesen regeln gehört eine, die für mich gerade sehr wichtig ist. im kreativen bereich und auch im emotionellen. werde nie zu gross und rede nie zu laut. wer zu laut redet, beginnt mit der zeit, seine letzten geheimnisse so ziemlich jedem anzuvertrauen, ob es die leute nun wollen oder nicht. alles dinge, die es wert sind, dass man leise darüber redet, mit freunden, dem lieblingsplüschtier, aber nicht mit social media "freunden" und fremden, was dann eh meistens dasselbe ist. zu gross und zu laut werden aber fast alle, die ein gewisses alter überschreiten. als hätten sie plötzlich angst, durch diese tür zu gehen. in einen raum, wo keine menschenversammlung auf sie wartet, sondern manchmal einfach gar niemand.

13.10.19

das herz der dinge

sie hatte die alte kamera, die sie am dachboden gefunden hatte, tatsächlich bis hierher getragen. es war völlig unlogisch, was sie hier tat. normalerweise steckt man das ding in einen koffer oder in den rucksack, oder man verwendet überhaupt eine von diesen sündteuren kamerataschen, wie sie die touristen immer haben. aber nein, sie musste diese alte kamera tragen. von der wohnung weg runter zum traxi, dann am flughafen bis zum sicherheitscheck, wo die kamera wie ein relikt aus alter zeit zwischen den modernen handtaschen auf dem laufband entlangfuhr und auf der anderen seite von ihr schon erwartet wurde. und wieder hatte sie die kamera in die hand genommen und zum abflugschalter getragen und ins flugzeug hinein, und auch später, den ganzen marathon zu ihrem hotel, in die lobby und hinauf in ihr zimmer, hatte sie sie nicht aus der hand gegeben.

nun sass sie in ihrem hotelzimmer auf dem bett und schaute die kamera an. nahm einen schwarzweiss ilford aus der seitentasche ihres koffers, der in der silberfolie steckte, die die röntgenstrahlen des sicherheitschecks am flughafen abblockte und legte ihn vorsichtig ein. lächelte ein bisschen, legte die kamera neben das bett auf das nachtkästchen und begab sich dann bald selbst zur ruhe. vor dem einschlafen dachte sie noch kurz über die vermeintliche sinnlosigkeit ihres tuns nach. ihr vater wollte ihr vor ihrer reise eine digitalkamera kaufen, aber sie hatte dankend abgelehnt und gemeint, sie hätte ja schon eine kamera. was er mit leichtem kopfschütteln quittiert hatte, aber dann hatte er gelächelt wie immer, wenn sie solche dinge machte. aber wie willst du damit fotografieren, hatte er gesagt, die kamera funktioniert nicht mehr. wie eine alte uhr, deren herz aufgehört hat, zu schlagen.

als sie am frühen morgen nach einem schnellen frühstück und einem blick in die morgenzeitung das hotel verliess, hing die alte kamera an einem lederriemen um ihren hals. sie griff manchmal danach und hielt sie für einen kurzen augenblick fest. so ging sie die strassen entlang, warf manchmal einen blick in den stadtplan, den sie in ihrem rucksack mitgenommen hatte und kam nach einiger zeit am rand der stadt an. sie rastete einen moment im schatten einer gruppe von palmen, die die stadt wie einen wall aus frischem grün umgaben, lehnte sich an den stamm eines baumes und schloss die augen. wie von selbst fuhr ihre hand zu der alten kamera, sie umfasste sie vorsichtig und fühlte plötzlich, wie ein strom von erinnerungen, wie alte bilder in sepiafarben, dem uralten gegenstand entwich. sie wunderte sich kein bisschen. genau so hatte sie es sich vorgestellt. es war der richtige ort dafür.

sie sah die wüste, palmenhaine und menschen, die darunter lagerten, elegante männer und frauen in hotellobbies, an tischen sitzend, rauchend, sich angeregt unterhaltend, behandschuhte livrierte kellner, die auf silbernen tabletts getränke servierten, sie sah einen saal mit hohen fenstern, in dem kristalluster leuchteten, mit grossen spiegeln an den wänden und in den spiegeln sah sie paare tanzen, ein orchester auf einer bühne und eine sängerin vor einem antiken mikrophon, sie sah basare und händler, alte bücher, deren titel sie sogar lesen konnte, es waren alles bücher mit geheimnisvollem inhalt, die sie selbst gern besessen hätte. sie sah portraits von menschen, die in vielem unterschiedlich waren, denen aber immer eins gemeinsam war: sie hatten alle denselben ausdruck in den augen. interessante menschen, die sich gewiss nie mit der oberfläche der dinge zufriedengaben, sondern darunter sahen, zum herz der dinge, das, wie man weiss, niemals aufhört, zu schlagen. dann, ganz am schluss, blickte sie in ihr eigenes fragendes gesicht, das sich gerade über die kiste am dachboden beugte.

als sie die augen wieder öffnete, war der schatten der bäume um ein stück weitergewandert, die morgensonne schien ihr ins gesicht und liess die bilder, die sie gesehen hatte, zu schatten ausbleichen. wie ein sepiaschleier waren sie nun auf ihrer netzhaut gefangen und sie liess sie nicht wieder fort. mit der einen hand hielt sie immer noch die alte kamera umfasst.

sie lächelte. die wüste war für sie immer ein ort des lebens gewesen. wenn man unter die oberfläche der dinge blickt, dann ist es auch so. ein ort der stille, ein kraftvoller ort. nichts von den alten erinnerungen geht hier verloren. es gab nichts, was ablenken konnte, von der vergangenheit, vom jetzt. hier war alles ein ding.
begleitet von einem strom verblasster bilder, die im sonnenlicht wie feine schatten wirkten, betrat sie die wüste.
 
 
für imuhar