16.2.19

Unsterblich


Schon wieder ein völlig überfüllter Zug, natürlich bei Tag (!). Wer Menschen in einer Ansammlung sieht, versteht, wie Geisteskrankheiten entstehen. Verfolgungswahn, Paranoia, Schizophrenie.
Wer diese Menschen sieht, ihre primitiven Verhaltensweisen wie den gemeinsamen Ansturm auf den einfahrenden Zug (der Ruck, der dabei durch die Menschenmenge geht, ist für einen sensitiv begabten Menschen als körperlicher und seelischer Schmerz spürbar), weiss, warum Menschen totgetreten werden, bei Konzerten, Fussballspielen. Flucht.


::10 Minuten davor::
Hier, sehen Sie, genau an diesem Ort sind 40 Menschen totgetreten worden‘. Die Worte des Taxifahrers, der das Schattenwesen zum Bahnhof befördert.‘Das war der Eingang. Zum Bunker. Damals, als die Stadt bombardiert wurde. 40 Menschen.‘ Und:‘Ich könnte nicht. Draufsteigen. Menschen. Sind. Bestien.‘
Der zerbrechliche Mann, der wie ein lebendig gewordenes Bild Chagalls aussieht, gehört nicht in diese Stadt. Ein Einwohner, aber doch fremd. In Prag wäre er am rechten Platz. Spinnwebneblige, verrauchte Zimmer, krachende Stühle, quietschende Tür. Herbst in Prag. Das Schattenwesen krümmt sich vor Schmerzen. Der dünne, alte Mann mit dem Rabbibart spricht über Astrologie, meint, das Schattenwesen würde ewig leben. Wasserzeichen leben ewig. Das Wasser spült das Gift heraus. Alles, was schädlich ist, wird vom Wasser weggeschwemmt und vom tiefen Ozean verschluckt. Das Geschöpf im Fonds lacht. Glücklich...schon so früh am Morgen, bei Tageslicht! Unfassbar. Der Prager Taxifahrer redet, während das Geschöpf genüsslich raucht.


Das Haus in Prag ist krumm. Tausend Augen schauen aus blinden Fenstern heraus. Der Rabbi spricht mit den Toten. Essigsaure stählernbittere Qual muss er essen, muss essen das Totenbrot, trinken den vergorenen Wein aus den Mäulern der Toten.
Seine Schrift muss krakelig sein unleserlich krakelig Krähenfüsse Spinnenzeichen an der Wand Geheimschrift nur bei Mondschein sichtbar. Gedankenverloren zupft das Schattenwesen einige Spinnweben von der Decke. Er trägt einen handgestrickten Pullover warm ist er nicht, aber besser als so manches. Er ist mager.


Eine böhmische Köchin wär mein Wunsch gewesen mein Leben lang...
Mohn, Zucker, Zimt und Sterne.

13.2.19

Euro Night


Die einsamen Reisenden in dem Zug, der durch eine Winternacht fuhr, sassen still auf ihren Plätzen. Keiner sprach ein Wort, ja, es wirkte, als wäre ihnen die Sprache abhanden gekommen.
Wie steinerne Statuen sassen sie da, den Blick nach innen gerichtet und liessen ihre Gedanken in die eiskalte Nacht strömen.
Das Schattenwesen hatte sich in seinem Sitz verkrochen.
Wie immer sass es ganz hinten, gleich bei der Tür, hinter ihm nur noch die Wand des Abteils. Es dachte über die Stille nach. Amüsiert lehnte es sich zurück und dachte, wie intelligent Menschen plötzlich wirkten, jetzt, da ihnen die Sprache abhanden gekommen war.
Jetzt hörte das Wesen, dessen Heimat Schatten und Nacht waren, den Menschen zu, denn es hatte längst schon begriffen, dass es sinnlos war, dem gesprochenen Wort zu lauschen.

Die Schatten der Nacht erlauben keine lauten Töne. „Alles Laute tötet uns“, sprach es unhörbar in die Stille, „es verletzt uns, reisst tiefe Wunden in unsere Seelen, treibt uns in den Wahnsinn.“
„Die Stille ist unsere Welt.  Ihr jedoch fürchtet sie, denn in der Stille hört ihr, wie die Sekunden eures Lebens verstreichen, hört den feinen Sand durch das Glas der Sanduhr rieseln.
In der Stille findet ihr euren Tod.“
„Doch bedenkt, dass er immer neben euch steht, egal, was ihr tut, um euch abzulenken (um das Leben, wie ihr meint, zu spüren).“
„Nehmt ihn auf in eure Herzen“,
sprach das Wesen weiter, „seid eins mit ihm, verdrängt ihn nicht aus euren Seelen, die nach ihm verlangen.“
Das Schattenwesen, das sich ganz hinten im Abteil verkrochen hatte, fühlte sich plötzlich als Mittelpunkt einer schweigenden Versammlung, als Zentrum eines Kreises von stillen Statuen.


Und die Gedanken der Reisenden strömten weiter wie ein warmer Fluss in die Eiseskälte der Nacht.
Ruhig sassen sie da und der Tod war mitten unter ihnen.

-Gedanken im EuroNight,
in der Nacht des 24.3.1998,
einer wahren Winternacht-



Nachtrag: „Der Tod steht euch gut“, grinste das Schattenwesen. „So seht ihr gleich viel eleganter aus!“

7.2.19

Die Angst der Blinden


Im Wirbel
von Tanz
und Traum
- während der zunehmenden Nächte -
bleiben die stolzen Türen
von Kirchen und Kapellen
verschlossen,
die starren Kreuze
verborgen...

Im Schmerz
von Tanz
und Traum
öffnen sich
Kathedralen
- zart,
verwundbar,
wahr -
von gesponnenem,
edlem Metall
und Stein,
zeigen sich
Symbole von
wilder Pracht...

Im Lächeln
von Tanz
und Traum
schreien Blinde
vor verschlossenen Toren,
erfüllt sich langes Sehnen,
heilen wundgeweinte Augen
und Herzen
von edlem Metall
und Stein.
Zart,
verwundbar
und wahr...



12.11.1991

2.2.19

Der Tod des Clowns

Der Clown mit der glitzernden Träne auf der Wange lag auf dem Rücken. Er hatte die Augen weit geöffnet, ein fragender Ausdruck lag in seinen Augen. Beinahe sah es so aus, als würde er schlafen. Seine Mundwinkel waren zum ewigen Lächeln hochgezogen. Er lag da wie im Schlaf.
Langsam breitete sich eine Blutlache um ihn aus. Eine rote Rose lag auf seiner Brust, über seinem Herzen. Die künstliche Träne glitzerte silbrig, er lächelte.
Die Leute, die über ihn hinwegstiegen, um zum Ausgang zu gelangen, vermieden es, in sein Gesicht zu sehen. Geschah es dennoch, glitt ein Ausdruck tiefer Sorge über ihre Gesichter, starrten ihre Augen wie dunkle Schächte ins Leere, erstarben Gelächter und Worte. Mit zitternden Lippen und Entsetzen in den Augen blickten sie auf die Rose in seiner blassen, fragilen Hand. Starrten in seine fragenden Augen. Versuchten, Antworten zu finden, für ihn, für sich selbst. Zum ersten Mal sahen sie ihn wirklich an.

„Er war wunderschön“, bemerkte eine junge Dame und bemühte sich, mit ihren Schuhen nicht ins Blut zu steigen. „Ja, das war er“, bestätigte ihr Begleiter. „Als Kind habe ich von ihm geträumt“. Er blickte unsicher zu ihr auf – er war einer der wenigen gewesen, die sich zu der Gestalt am Boden gebückt hatten, um sie zu inspizieren. „Damals war er aber, nunja, lebendiger“. Er lächelte, nahm sie in die Arme, ging mit ihr zum Ausgang. Als sie hindurchschritten, war der Clown beinahe schon vergessen.
„Er war doch noch so jung“, murmelte ein Mann im Anzug und starrte vor sich hin. „Was für eine verdammte Verschwendung, man könnte regelrecht...“ Er stockte, sah an sich herunter, schüttelte den Kopf. „Wißt ihr, daß ich als Kind zum Zirkus wollte? Hab sogar jonglieren gelernt. Aber...“ Er riß seinen Blick von der reglosen Gestalt am Boden los. „Irgendwann wird ja jeder erwachsen. Man kann nicht immer haben, was man will. Man muß Kompromisse eingehen“, sagte er beinah entschuldigend. „Du mußt verstehen. Du bist selbst schuld daran. Es tut mir ja auch leid. Vor allem ärgert es mich.“ Er wurde laut. „Was für eine verdammte, verdammte Verschwendung. Du...Idiot! Man muß flexibel sein im Leben. Sich anpassen. Glaubst du, uns macht das Spaß? Aber wir haben es trotzdem geschafft, also hättest auch du...du Schwächling!“

Er sah dem Clown in die Augen. „Steh auf. Bitte, steh auf“, flüsterte er. „Es war doch nicht so gemeint. Und du bist auch kein Schwächling, komm schon, alles ist halb so wild.“ Er streckte dem Clown die Hand hin, wie um ihm aufzuhelfen. Das Handy klingelte in seiner Jackentasche. Automatisch griff er danach und führte es ans Ohr, während er über den Clown hinwegstieg. „Gib mir 10 Minuten“, bellte er in sein Handy. „Bin schon auf dem Weg.“ Er eilte durch den Ausgang und verschwand in der Dunkelheit dahinter. Aus dem Off drang seine Stimme, sich rasch entfernend: “Träume sterben nun mal. Dafür wird man ja erwachsen! Wir müssen ja nicht gleich mitsterben. Oder? ODER??“


Der Clown lag in einem Kreis aus Licht, den ein einsamer Scheinwerfer auf ihn warf. Der Raum war leer, sie waren alle gegangen. Die Tür mit der Aufschrift „Ausgang“ fiel langsam und schwer ins Schloß. 
Dahinter war es ziemlich dunkel.

 
17. Juli 2004
(Musik. B-Movie. „Marilyn Dreams“, wieder und wieder...“Marilyn Dreams“ in der Endlosschleife...und plötzlich war er da, der weiße Clown, wie eine Erinnerung an...früher...nur früher war er, nunja, lebendiger.) 
 

28.1.19


der weltengeist haucht
durchsichtige säulen
in sternklaren nächten,

sein atem spielt im feuer des kristalls
im eisblauen zentrum der welt


27.1.19

im winter


im winter

(dem grossen baumeister der welt)


in den blauen nächten

zwischen schlafen und wachen

träumend wohl



fein gewobene ornamente

durchbrechen den blauen baldachin

floral, gotisch, kristallin, 

in unbekümmerter vielfalt

wachsend und webend



still lächelt er

und rätselhaft

das lächeln der sphingen

und tausend kerzen, geliebter,

tausend kerzen will ich dir bringen