5.11.19

der vorfall

in der stillen nacht liegen sie aufgebahrt wie leichen
die mienen starr, die mundwinkel verzogen zum ewigen lächeln von puppen
sie träumen den pflichten des nächsten tages entgegen
in ihren träumen betreten sie korridore, grossraumbüros und tiefgaragen
künstliches licht färbt ihre träume und tage grellweiss und kalt
es gab einmal einen vorfall vor jahren
niemand spricht gern davon.
da sah einer in seinem traum ein zeichen an der wand einer tiefgarage
gleich hinter seinem dienstwagen
bevor er sich vom dach eines hochhauses stürzte
schrieb er ein gedicht
 

3.11.19

seit sie weg sind

seit sie weg sind
aus dem ältesten, verrufensten viertel der stadt
schlafen wieder alle besser und träumen vom nächsten arbeitstag
es herrscht wieder recht und ordnung und verunsichert ist keiner mehr
wundersames war nie so gern gesehen in dieser stadt
in der jeder von jedem alles weiss...es ist nicht viel...
lebensläufe, die einander gleichen wie ein ei dem anderen
seit sie weg sind, herrscht gleichklang und alle marschieren in der reihe mit
keiner, der seither aus der reihe tanzte und herzen verblendete mit
falschen versprechungen, und gerede von sehnsucht und glück
keine gedicht, das herzen zerspringen lassen vermochte
kein lied, das traurig war und schön,
die bücher schon längst auf scheiterhaufen verbrannt
und keiner, der halt schrie und weinte,
mit blossen händen ins feuer griff um zu retten,
was nur, ja was?
seitdem sie weg sind
die aufwiegler
subversives pack
ist alles wieder gut
und menschen erfüllen ihre pflicht
zu mehr waren sie nie zu gebrauchen spricht der oberste herr der stadt
und schmückt seinen hitlerschrein täglich mit frischen blumen

1.11.19

schiller | ruhe


manche videos verändern ihren look drastisch und wenn dann noch knallgelbe akzente dazukommen, kann man das ganze nicht mehr sehen - verlinken werde ich es aber noch, weil ich den song gern habe.

14.10.19

es gibt dinge, die universell bekannt sein dürften. vielleicht sind sie grundprinzipien des universums - jeder sollte sie kennen und wie grundregeln befolgen, aber gerade wir menschen vergessen ununterbrochen, was wichtig ist und was wir zum überleben brauchen. zu diesen regeln gehört eine, die für mich gerade sehr wichtig ist. im kreativen bereich und auch im emotionellen. werde nie zu gross und rede nie zu laut. wer zu laut redet, beginnt mit der zeit, seine letzten geheimnisse so ziemlich jedem anzuvertrauen, ob es die leute nun wollen oder nicht. alles dinge, die es wert sind, dass man leise darüber redet, mit freunden, dem lieblingsplüschtier, aber nicht mit social media "freunden" und fremden, was dann eh meistens dasselbe ist. zu gross und zu laut werden aber fast alle, die ein gewisses alter überschreiten. als hätten sie plötzlich angst, durch diese tür zu gehen. in einen raum, wo keine menschenversammlung auf sie wartet, sondern manchmal einfach gar niemand.

13.10.19

das herz der dinge

sie hatte die alte kamera, die sie am dachboden gefunden hatte, tatsächlich bis hierher getragen. es war völlig unlogisch, was sie hier tat. normalerweise steckt man das ding in einen koffer oder in den rucksack, oder man verwendet überhaupt eine von diesen sündteuren kamerataschen, wie sie die touristen immer haben. aber nein, sie musste diese alte kamera tragen. von der wohnung weg runter zum traxi, dann am flughafen bis zum sicherheitscheck, wo die kamera wie ein relikt aus alter zeit zwischen den modernen handtaschen auf dem laufband entlangfuhr und auf der anderen seite von ihr schon erwartet wurde. und wieder hatte sie die kamera in die hand genommen und zum abflugschalter getragen und ins flugzeug hinein, und auch später, den ganzen marathon zu ihrem hotel, in die lobby und hinauf in ihr zimmer, hatte sie sie nicht aus der hand gegeben.

nun sass sie in ihrem hotelzimmer auf dem bett und schaute die kamera an. nahm einen schwarzweiss ilford aus der seitentasche ihres koffers, der in der silberfolie steckte, die die röntgenstrahlen des sicherheitschecks am flughafen abblockte und legte ihn vorsichtig ein. lächelte ein bisschen, legte die kamera neben das bett auf das nachtkästchen und begab sich dann bald selbst zur ruhe. vor dem einschlafen dachte sie noch kurz über die vermeintliche sinnlosigkeit ihres tuns nach. ihr vater wollte ihr vor ihrer reise eine digitalkamera kaufen, aber sie hatte dankend abgelehnt und gemeint, sie hätte ja schon eine kamera. was er mit leichtem kopfschütteln quittiert hatte, aber dann hatte er gelächelt wie immer, wenn sie solche dinge machte. aber wie willst du damit fotografieren, hatte er gesagt, die kamera funktioniert nicht mehr. wie eine alte uhr, deren herz aufgehört hat, zu schlagen.

als sie am frühen morgen nach einem schnellen frühstück und einem blick in die morgenzeitung das hotel verliess, hing die alte kamera an einem lederriemen um ihren hals. sie griff manchmal danach und hielt sie für einen kurzen augenblick fest. so ging sie die strassen entlang, warf manchmal einen blick in den stadtplan, den sie in ihrem rucksack mitgenommen hatte und kam nach einiger zeit am rand der stadt an. sie rastete einen moment im schatten einer gruppe von palmen, die die stadt wie einen wall aus frischem grün umgaben, lehnte sich an den stamm eines baumes und schloss die augen. wie von selbst fuhr ihre hand zu der alten kamera, sie umfasste sie vorsichtig und fühlte plötzlich, wie ein strom von erinnerungen, wie alte bilder in sepiafarben, dem uralten gegenstand entwich. sie wunderte sich kein bisschen. genau so hatte sie es sich vorgestellt. es war der richtige ort dafür.

sie sah die wüste, palmenhaine und menschen, die darunter lagerten, elegante männer und frauen in hotellobbies, an tischen sitzend, rauchend, sich angeregt unterhaltend, behandschuhte livrierte kellner, die auf silbernen tabletts getränke servierten, sie sah einen saal mit hohen fenstern, in dem kristalluster leuchteten, mit grossen spiegeln an den wänden und in den spiegeln sah sie paare tanzen, ein orchester auf einer bühne und eine sängerin vor einem antiken mikrophon, sie sah basare und händler, alte bücher, deren titel sie sogar lesen konnte, es waren alles bücher mit geheimnisvollem inhalt, die sie selbst gern besessen hätte. sie sah portraits von menschen, die in vielem unterschiedlich waren, denen aber immer eins gemeinsam war: sie hatten alle denselben ausdruck in den augen. interessante menschen, die sich gewiss nie mit der oberfläche der dinge zufriedengaben, sondern darunter sahen, zum herz der dinge, das, wie man weiss, niemals aufhört, zu schlagen. dann, ganz am schluss, blickte sie in ihr eigenes fragendes gesicht, das sich gerade über die kiste am dachboden beugte.

als sie die augen wieder öffnete, war der schatten der bäume um ein stück weitergewandert, die morgensonne schien ihr ins gesicht und liess die bilder, die sie gesehen hatte, zu schatten ausbleichen. wie ein sepiaschleier waren sie nun auf ihrer netzhaut gefangen und sie liess sie nicht wieder fort. mit der einen hand hielt sie immer noch die alte kamera umfasst.

sie lächelte. die wüste war für sie immer ein ort des lebens gewesen. wenn man unter die oberfläche der dinge blickt, dann ist es auch so. ein ort der stille, ein kraftvoller ort. nichts von den alten erinnerungen geht hier verloren. es gab nichts, was ablenken konnte, von der vergangenheit, vom jetzt. hier war alles ein ding.
begleitet von einem strom verblasster bilder, die im sonnenlicht wie feine schatten wirkten, betrat sie die wüste.
 
 
für imuhar
 

11.10.19

der traum, den ich heute kurz vorm aufwachen hatte, würde jeden traumanalytiker zum ausflippen bringen. es war eine wilde und bunte sache und ich bin froh, dass es nicht länger gedauert hat, sonst wäre es aus mit meinem restverstand. träume sind generell surrealer natur, aber ein potoo in knallbunt? jedenfalls - begonnen hat das ganze eher normal - ich hab davon geträumt, im bett zu liegen und zu schlafen. war auch im traum kurz vorm aufwachen, total groggy, und wollte einfach nicht die augen öffnen. aber es war dermassen laut. irgendwer oder irgendetwas klopfte ununterbrochen an mein fenster und machte noch zusätzlich viel lärm. es dauerte echt lang, bis ich ein auge öffnen konnte. ich hatte im traum vorhänge, die halb offen waren, also konnte ich nur etwas erkennen, das urschnell draussen hin und herflitzte, wie ein knallbunter schatten, der zwischendurch an mein fenster hämmerte. verdammt.
irgendwann schaffte ich es auch, mein zweites auge zu öffnen und mich langsam wie die ururalte frau, die ich bin, aus dem bett zu hieven. als ich die vorhänge beiseiteschob, sehr vorsichtig natürlich, sah ich mich einem riesengrossen papageiartigen vogel gegenüber, nur sah er vom gesicht her nicht papageiartig aus, sondern wie dieser wahnsinnskultvogel, der potoo. er war ein breitmaulvogel. das war kein schnäbelchen mehr. er brüllte, hämmerte an mein fenster und als ich das rabiate tierchen hereinbitten wollte, hatte es anscheinend genug von mir und meiner begriffstutzigkeit und machte sich davon.
hat mich nicht verwundert - im traum schockt einen gar nichts und das ganze war ja noch einigermassen harmlos, es gab kein blut, keinen splatter, nur ein surreales tier, das mir im real life gut gefallen würde. dann ging es im traum noch weiter. ich hab dann meine mails gecheckt und fand eine nachricht von meinem arbeitgeber. was lustig ist, weil ich heute frei habe und anscheinend keinen tag mehr ohne meine arbeit existieren kann. ich sollte doch bitte auf den zeitungsartikel über die papageienartigen vögel nicht vergessen, schrieb mir eine kollegin. 'lillian' würde ihn so dringend brauchen. und ich dachte im traum, wir schön es doch wäre, wenn ich statt dem artikel doch gleich einen von diesen tieren schicken könnte - war richtig sauer, dass ich mir das tier nicht gegriffen habe. andererseits - es war riesengross und brutal, sicher recht wehrhaft. sorry, lillian.:)

dann fügte die kollegin noch hinzu: be a pullip girl!
tja.
pullip ist ne puppenmarke, einigermassen teuer und ich besitze keine einzige, weil ich nämlich living dead dolls gesammelt habe, seit ich klar denken kann. weiss auch nicht... klingt so, als wäre die kollegin nicht zufrieden mit meiner dollsammlung. jetzt möchte ich ihr doch kurz und prägnant aufs auge hauen, aber sie ist ja fiktional, genauso wie lillian und leider auch der knallbunte potoo.

22.9.19

terror visions

der albino mit dem weissen iro und den vernarbten armen steht wieder am eingang und blickt kühl über die menge der tanzenden hinweg. das licht schmerzt. die emotionen der tanzenden ebenso. lauwarme gefühle, man nennt es wohl menschlich. 
es fühlt sich klebrig an und er fühlt sich auf unglaublich obszöne art und weise besudelt. sein magen revoltiert, er hätte nicht übel lust, seinen ganzen mageninhalt über die lustige düstere partygesellschaft zu entleeren. er schliesst gelangweilt die augen, hört getuschel, etwas von wegen monster und abartig. interessante szene, wenn typen wie er keinen platz mehr haben. 
er grinst in sich rein und lässt sich begaffen. ein albino, genau. 
wahnsinn, was es nicht alles gibt. 
und erst die klamotten. woher hat der die sachen? irgendwie schon stylish, aber.. 
der rest geht im gedröhne der bässe unter. charmant. er unterdrückt den impuls, zu lachen. 
kennst du sicher nicht, darling, und wenn ja, dann spricht du den namen mit garantie falsch aus. hat irgendwie keinen sinn, dir was über mode zu erzählen.
für den fetzen müsstest du ein halbes jahr auf den strich gehen, schatz. scheisse, er hat es tatsächlich laut gesagt. ihr gesicht ist sehenswert. es ist irgendwie in sich zusammengefallen, wie ein ballon, dem die luft ausgegangen ist.
der dj legt endlich etwas nach seinem geschmack auf, terror visions von putrefy factor 7, und er begibt sich auf die tanzfläche, obwohl er eigentlich vorgehabt hatte, nicht zu tanzen. 
nur zu beobachten, am rand zu stehen und ein bier zu trinken, dann wieder in der nacht zu verschwinden, aber irgendwas an diesem club gefällt ihm ganz gut. manches sieht man nicht 
auf den ersten blick. hat'n gutes fundament, denkt er, nur manche leute sind halt scheisse,die kratzen grad mal den verputz von den wänden, aber ans fundament kommen die nicht ran. 
niemals. unberührbar.
auch unsichtbar für die meisten. er sieht es aber. gar nicht übel, genauso wie der name des clubs. 
your plastic home. er lächelt. schöner name. ne neonschrift, die ihn angezogen hat wie ne motte das licht. 
er liebt neonlicht, obwohl es seine augen nicht vertragen. 
er tanzt mit geschlossenen augen und möchte vergessen. vor allem sich selbst, 
er ist am glücklichsten, wenn er tanzt und nur die musik spürt. 
wenn er sich auflösen kann und nicht mehr da ist.
 
it’s a bitter road
and I walk on glass
but my precious load
forces me to pass
help me to protect
the fragile in my hand
from the ravens’ eyes
in the black birds’ land
all hope is not lost
all tears are not cried
all blood is not shed
in this haunted night 
god, my wings turn black
the acid burns a hole
save the fading light
in my soul
in this dying sky
dawn’s taking control
save the fading light
in my soul
hear ravens calling me
closing every gate
my arms open wide
to embrace my fate
god, my wings turn black
the acid burns a hole
save the fading light
in my soul
in this dying sky
dawn’s taking control
save the fading light
in my soul

(save the fading light)
 
 
 
was ist echt? was illusionär? wer kann es mit sicherheit sagen???