5.2.20

something from alice


sie lebt in dem ältesten haus der welt.
das haus ist eine villa und man könnte doch sagen,
dass sie einigermassen heruntergekommen ist.
das könnte man, wenn man da wäre. 
rundherum stehen villen. die villen rundherum stehen alle leer. 
wir haben schon seit jahren keinen menschen mehr gesehen.

in der nacht klettert sie oft durch ein mäuseloch hinaus auf die loggia,
die nach allen seiten offen ist. der wind pfeift herein,
die lampe schwankt im luftzug hin und her 
manchmal trinkt sie tee mit dem mottenmann,
der im schatten sitzt und ihr vom ende der welt erzählt
manchmal balanciert sie auf dem geländer wie ein seiltänzer 
oder klettert an der regenrinne hinunter in den garten,
dann schläft sie draussen und wacht unter rosenbüschen auf
manchmal schreibt sie zum spass abschiedsbriefe an imaginäre freunde,
liest sie sich selbst laut vor und amüsiert sich königlich
manchmal spielt sie sterben vor dem spiegel,
theatralisch wie eine diva und verkleidet wie eine prinzessin
während leuchtkäfer sie umschwirren und der mottenmann hinter ihr steht
und ihr küsse zuwirft


wir haben schon seit jahren keinen menschen mehr gesehen
und ja, wir amüsieren uns königlich.