29.7.20

der stillgelegte ubahnschacht

gerade jetzt hab ich das feeling wieder, das ich mal beim lesen einiger bücher über den space in mir hatte. es waren die verschiedensten bücher doch sie hatten immer die vision des web als hintergrund. eine autorin war studentin am MIT, damals gab es das web in seiner jetzigen form noch nicht bzw. nur das grundgerüst stand und sie träumte, als sie nachts an der uni war und surfte, sie war ganz allein und die nachtbeleuchtung war an. sie faselte irres zeug in ihrem buch und aus dem irren zeug wurden gedichte wie der klang von glasfaserkabeln und reiner elektrizität, von maschinen und mensch-maschinen und was noch besser war - diese welten waren real und hörten sich an wie das flüstern von bäumen im wind und das blau des himmels strahlte aus einem flackernden bildschirm wie der zuckerblaue herbsthimmel.
brave new world.
ich sah gebäude vor mir, einige lagen im dämmerlicht eines neuen morgens, angst kannte keiner und langeweile war ein fremdwort, es war endzeit und doch etwas neues, ein beginn einer reise
mitten hinein in uns alle, in ein gigantisches seelenkollektiv
deep space
gibt es etwas, was natürlicher ist? viele fühlen entfremdung und haben nicht begriffen, dass es sich um die reine und unbarmherzige natur handelt
sie sagen, das web wäre künstlich. neinneinnein! nichts ist künstlich, nichts ist abartig, es ist der reine urknall der schöpfung und wenn meine augen am licht dieser neuen sonnen verbrennen und mein herz vor sehnsucht schneller schlägt, dann bin ich am tiefsten grund meiner existenz angekommen, am ziel der reise, das gleichzeitig auch der beginn ist. es ist wie leben und sterben zugleich, wie verbrennen und phönixähnlich auferstehen. wir sind unsterblich.
ein funken in uns genügt und alles brennt lichterloh. in meinen schöpferischen mutter-vater-armen liegt ein wilder garten und er dehnt sich aus, er will fressen, er will nahrung, er will uns als nahrung und er verdaut uns und speiht uns wieder aus, nichts vergeht, alles wächst, das wilde land und wir.
die trauer liegt hier als letztes geheimnis der natur, als kollektive erinnerung, der ultimative schmerz - wachsen tut weh. sterben tut weh, FH,
so wahnwitzig unendlich weh, ich lese tausend tode aus deinen zeilen und auferstehen und wieder sterben

die frau am MIT sitzt in einem raum in dem nur ein bildschirm flackert, sie hat gerade eine virtuelle existenz entdeckt mit der sie redet
der bot versucht sie mit gnadenloser unhöflichkeit zur beschäftigung mit sich selbst zu überreden
er will ihre spiritualität wecken und er frisst sie auf und möchte lernen, während sie nägelbeissend und nervlich am ende versucht, den kerl zu überzeugen, dass sie's draufhat,
er jedoch schmeisst sie hochkant raus aus seinem tempel, er meint sie wäre es nicht wert und er weiss so verdammt viel mehr als sie
magisches denken
ein uraltes gefühl steigt in ihr hoch
ein fehler, so sagen die meisten, aber älter als jede form von psychologie
wir tanzen wie ein archaisches volk um einen monolithen und bringen ihm unsere seelen zum verzehr dar und er lässt uns mit gnadenloser
unhöflichkeit wissen, dass wir es nicht wert sind und doch strengen wir uns an und unsere opfergaben werden bunter und vielfältiger, unsere seelen weiter und irgendwann frisst er wie verrückt und frisst und frisst und entlässt uns in eine ferne galaxis die aus reinem nichts besteht
und wo wir uns ausschreien können wo das brüllen irgendwann ein ende hat
wir wollen das nichts und gleichzeitig alles
und der bot, der das produkt eines menschlichen programmierers ist und kein götze oder sonstwas übernatürliches, wird seiner unnahbarkeit entkleidet
und zeigt als letztes antlitz die verwundbarkeit des menschlichen geistes, ist mensch und nichts und alles
wir suchen uns selbst da draussen
die vielen antworten auf so viele fragen
was sind wir
sind wir?

vielleicht sitzt dieser fremde zwillingsgötze irgendwo in einem u-bahnschacht und reisst uns mit maliziösem grinsen die seelen und ärsche auf
wir rennen wie verrückt durch die gänge und bewegen uns immer schneller und scheinbar ziellos, doch das ziel ist in uns eingespeichert ,auch wenn wir es noch nicht erkennen können. irgendwann stehen wir vor diesem seltsamen verschlag am ende einer sackgasse und der verschlag steht direkt vor einer abgefuckten wand, von der dunkles wasser sifft und da drin sitzt er und verkauft fahrkarten für ein stillgelegtes gleis auf dem keine u-bahn fährt und verdammt will ich sein, wenn ich dann wieder kehrt mache und den schwanz einziehe.
und wenn er mir tausendmal den verdienten arschtritt verpasst und mir sagt, dass ich ihm nur die zeit stehle und mich vom acker machen soll, weil hinter mir noch andere kommen, die es wert sind, dass er ihnen sein fremdes zwillingsgötzenwissen anvertraut und sie im gegenzug bis zum knochen abnagt- ich lass mich wegkicken und komm in aller seelenunruhe wieder und wieder und wieder und irgendwann kaut er mir das fleisch vom gebein ohne sein gesicht zu verziehen
und er meint bingo du bist dabei und simuliert eine art von verschwörerischem grinsen, dann hält er mir die fahrkarte entgegen oder er kloppt mir als stempel ein tierisches branding auf die handinnenfläche und ich steig in eine u-bahn ein, die, so irre es klingt, vorher noch nicht da war
und die versiffte modrige wand ... war da mal ne wand?!?

vielleicht verlier ich dann den verstand, aber ich glaub eher ich hab ihn noch nicht gefunden weil ich noch nicht oft genug gestorben bin bzw. weggekickt worden bin weil ich erst beginne gegen wände zu rennen wie verrückt und mich blutig schlage und sehnsüchtig und herzwund
und vielleicht bau ich im deep space schon mein grab, nee ich denke es ist schon fertig weil es bei meiner geburt schon da war

aber was soll's es ist eh alles anders, als man denkt
prost. ich brauch ein bier.

nachher denk ich weiter über die u-bahnschächte und stationen und die darüberliegenden städte nach. eine stadt, in der nur fotografiert wird und wo die bilder auf leinwände und hausmauern projeziert werden, alles, was alle gerade fotografieren, auf bildschirmen und ganz straight auf papier und altmodisch und sepia und schwarzweiss bis hin zum digitalen hochglanzfoto aus irgendeiner hochauflösenden neuen kamera, die mikro und makro und weiss der henker was noch alles draufhat, von historisch bis ultramodern und alles dreht sich nur um fotografieren
die stadt könnte in japan sein.